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0004 Christien Melzer, Zur Vorgeschichte des Dresdner Kupferstich-Kabinetts

RIHA Journal 0004 | 21 June 2010

Zur Vorgeschichte des Dresdner Kupferstich-Kabinetts zwischen 1560 und 1738

Christien Melzer

Peer review and editing organized by:

Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Munich

Reviewers:

Christian Rümelin, Hein-Th. Schulze Altcappenberg

Abstract

Though the Dresden Kupferstich-Kabinett was properly established only in 1720, the electoral Saxon Kunstkammer and library in Dresden included a collection of prints and drawings from their very beginnings in the mid-16th century. The article focuses on this early, and rarely discussed, history of the collection. From the Dresden holdings and hitherto unexamined sources, exemplary insights can be gained into scope, structure, aims, and accessibility of an early modern collection of art on paper. This throws light on issues in the history of science and of collecting art, on courtly representation, as well as on early modern discourses on art and order. In particular, it can be shown that the foundation of the Kupferstich-Kabinett in the early 18th century was the result of long and complex processes and developments, manifesting ever-evolving and constantly changing scientific taxonomies. Comparison of the Dresden collection with those in Munich, Ambras, Prag, and Paris, underscores the unparalleled continuity of its history.

Inhalt



Einführung

  1. Das Dresdner Kupferstich-Kabinett, neben den graphischen Sammlungen in Berlin und München eines der großen Kabinette in Deutschland, kehrte 2004 nach einer fast 60 Jahre währenden provisorischen Unterbringung in der Kunstgewerbeschule an den Ort zurück, an dem es ursprünglich entstanden war: ins Residenzschloss, wo es nun auch über eigene Ausstellungsräume und moderne Depots verfügt. Seine Frühgeschichte und seine Entstehung sind lange nicht systematisch untersucht worden und sollen hier in großen Zügen nachgezeichnet werden.1

  2. Die Institution "Kupferstich-Kabinett" wurde um 1720 als eine von mehreren Spezialsammlungen auf Befehl Friedrich Augusts I., Kurfürst von Sachsen und König in Polen, gegründet. Sie gilt nach dem um 1667 eingerichteten französischen Kupferstichkabinett Ludwigs XIV. als das zweitälteste selbständige königliche Graphikkabinett in Europa. Der sächsische Kurfürst hatte sich schon länger mit dem Gedanken an eine Museumsinstitution getragen und ordnete an, aus den bereits bestehenden Kollektionen verschiedene Spezialsammlungen auszugliedern und durch neue Erwerbungen zu bereichern.2 In dieser Zeit entstanden auch die Gemälde- und die Skulpturengalerie sowie die Naturaliensammlung.3 Das Kupferstich-Kabinett wurde 1728 gemeinsam mit den übrigen naturwissenschaftlichen Sammlungen und der Bibliothek im Zwinger, dem sogenannten "Palais des Sciences", untergebracht, der ab 1710 durch Matthäus Daniel Pöppelmann und Balthasar Permoser als Orangerie und Festarchitektur erbaut worden war (Abb. 1).

1 Heinrich Christian Eilenburg, Grundriss des Zwingers, aus: Kurzer Entwurf der königlichen Naturalienkammer zu Dresden, Dresden: Walther, 1755, Kupferstich, Dresden, SLUB, H.Sax.G 260, erster Grundriss ausgeklappt, Abteilung E: Kupferstich-Saal (Foto © SLUB/Deutsche Fotothek, Digitalisierungszentrum, 2009)

  1. Vermutlich stellten Kupferstiche bei der Gründung des Kabinetts tatsächlich den größten Anteil des Bestandes und rechtfertigten so die Bezeichnung "Kupferstich-Kabinett".4 Die historischen Quellen verwenden verschiedene Ausdrücke synonym, zum Beispiel "Estampes-Cabinet", "Kupferstich-Salon" und im späten 18. Jahrhundert "Kupferstich-Gallerie".5

  2. Das Kabinett war schon 1720 außergewöhnlich vielseitig und enthielt graphische Werke verschiedener Länder und Epochen.6 Bei seiner Gründung waren 22 Schränke, sogenannte Bureaux, mit mehreren Tausend Blättern gefüllt. Für das Jahr 1764 ist bereits von einem Bestand von mehr als 130.000 graphischen Blättern und knapp 16.000 Zeichnungen auszugehen, wie ein Übergabeinventar nahelegt.7 Ohne eine lange währende Sammeltradition wäre dies kaum möglich gewesen. Meine Forschungen enden daher mit der institutionellen Gründung des Kupferstich-Kabinetts, wenngleich auch nicht mit seinem legendären Gründungsjahr, sondern mit einem etwas späteren Zeitpunkt: der Fertigstellung des ersten Inventars im Jahre 1738.8 Innerhalb dieser Zeitspanne legte der erste Direktor Johann Heinrich von Heucher (1677-1746) neue Ordnungskriterien fest und tätigte Ankäufe, die im Inventar erstmals schriftlich fixiert und somit eindeutig fassbar werden. Eine erste und grundlegende Etappe der Einrichtung des Kabinetts war damit beendet. Im Folgenden wird zunächst die Entwicklung der graphischen Sammlung vor ihrer eigentlichen Gründung dargestellt, bevor auf den mehrere Jahrzehnte dauernden Gründungs- und Systematisierungsprozess eingegangen wird.

  3. Tatsächlich lässt sich die Sammlung graphischer Blätter in Dresden bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen. Schon innerhalb der kurfürstlichen Kunstkammer und der Bibliothek, welche die wichtigsten, aber bei Weitem nicht die einzigen Quellen für die Ausgliederung des Kabinetts bildeten, entstand eine umfangreiche Kollektion von Kupferstichen, Holzschnitten, Zeichnungen und Büchern. Die Entwicklung und Zusammensetzung der frühen, in andere Institutionen integrierten graphischen Sammlung sowie ihre spezifischen Aufgaben im Kontext frühneuzeitlicher Repräsentation und Wissensorganisation sind zentrale Punkte, die eine sammlungshistorische Betrachtung berücksichtigen muss.

  4. Aufgrund des erhaltenen Quellenmaterials lässt sich dieses Kapitel der Dresdner Sammlungsgeschichte im Vergleich zu aufgelösten oder mehrfach veräußerten Sammlungen umfassend analysieren. Die frühe Dresdner graphische Kollektion kann daher exemplarisch für ähnliche, nicht mehr vorhandene Sammlungsstrukturen wie etwa in München stehen.9 Für eine Rekonstruktion der Sammlung sind mehrere Arten von Quellen von Bedeutung: die erhaltenen Inventare der Kunstkammer und der Bibliothek, umfangreiche Aktenbestände des Kabinetts und sächsischer Archive, so z. B. Rechnungen der Kurfürsten, Bestallungsurkunden der Hofkupferstecher oder Quittungen über Ankäufe auf der Leipziger Messe, Nachlass- und Schenkungsurkunden, aber auch Reiseberichte und kunsttheoretische Traktate. Nicht zuletzt erlauben heute vorhandene, über die Jahrhunderte in ihrer Aufbewahrung und Systematisierung allerdings stark veränderte Kunstwerke wie Zeichnungs- und Klebebände, illustrierte Bücher und Druckgraphiken ebenfalls Rückschlüsse auf die Entwicklung des Kabinetts. Gerade diese Kunstwerke sind allerdings heute aus konservatorischen Gründen oftmals schwer zugänglich. Außerdem sind in Alben eingeklebte Blätter aufgrund zahlreicher Umdispositionen und früherer Verwahrungspraxis nicht immer mit einer eigenen Inventarnummer versehen und, sofern nicht publiziert, weder in Datenbanken noch in Inventaren verzeichnet und der wissenschaftlichen und interessierten Öffentlichkeit kaum zugänglich. Die hier vorgenommenen exemplarischen Identifikationen können daher nur der Anfang sehr viel weiter führender Studien sein, die anhand systematischer und vertiefter Untersuchungen beispielsweise von Einbänden und Notizen in Büchern, von Rückseiten zahlreicher Einzelblätter und von späteren Inventaren des Kabinetts umfassendere Erkenntnisse liefern können.

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Anfänge des Graphiksammelns im 16. Jahrhundert

  1. Schon Herzog Georg der Bärtige (1471-1539) und Kurfürst Moritz (1521-1553), der 1547 die Kurwürde von der ernestinischen Linie der Wettiner übernahm, legten eine Silber-, eine Rüst- und Harnischkammer sowie ein Münzkabinett an.10 Erste Ansätze einer Graphiksammlung finden sind ebenfalls in dieser Zeit. Ein Schlossinventar von Torgau von 1546 bezeugt, dass es üblich war, neben Gemälden und Tapisserien auch Graphik zur Dekoration der kurfürstlichen Gemächer zu verwenden, wenngleich hier noch nicht von Sammeln als einem systematischen und gerichteten Prozess ausgegangen werden kann.11

  2. Als eigentlicher Gründer der heutigen Kunstsammlungen wird Kurfürst August angesehen, dessen über dreißigjährige Regierungszeit von 1553 bis 1586 durch Stabilität und Wohlstand geprägt war. 1556 entstand die kurfürstliche Bibliothek, in der Graphik zum ersten Mal als Sammlungsobjekt fassbar wird.12 Seit diesem Jahr lassen sich Ankäufe von Büchern und Aufträge des Kurfürsten an mehrere Buchbinder für repräsentative Einbände nachweisen. Das erste Inventar der "Librarey", wie die Bibliothek genannt wurde, verzeichnet im Jahr 1574 über 1.700 Bände, darunter "Kunstbuchlin", "Architecturn, Perspectiva" sowie Klebebände, Landkarten und einzelne Kupferstiche.13 Der Graphikbestand ist zunächst weder räumlich noch personell oder administrativ eigenständig, sondern in verschiedene Institutionen integriert. Sie übernahm jedoch spezifische Funktionen, wie im Folgenden zu erläutern sein wird.

  3. Kurfürst August ist wohl der erste sächsische Kurfürst, bei dem man von systematischem Graphiksammeln sprechen kann. Er ist als Auftraggeber, Adressat von Geschenken und als Hersteller von Objekten belegt. Dies betrifft nicht nur gedrechselte Elfenbeine oder Pretiosen, sondern auch beispielsweise ein "Rot in Leder vorguldt Buch oder futtral, dorinnen ezliche kleine Mappen welche herzogk Augustus Churfürst zu Sachßen seligen selbsten gemachet" oder "Ein illuminirt turckenbuch, welches Churfürst Augustus [...] durch Zacharias Wehm nachmalen laßen".14 Das sogenannte Türkenbuch, das dem Kurfürsten vom kaiserlichen Gesandten in Istanbul David Ungnad Freiherr von Sonneck zum Erstellen einer Kopie überlassen wurde, diente als geheime und authentische Bilddokumentation zu politischen und diplomatischen Zwecken angesichts der türkischen Bedrohung. Teile der von Zacharias Wehme angefertigten Kopie sind noch heute im Kupferstich-Kabinett vorhanden (Abb. 2).15

2 Zacharias Wehme, Hagia Sophia mit der Sultansgrablege, in: Türkische Trachten, Gebräuche, Aufzüge, Bauwerke und Denksäulen, 1581/82, Kopie nach David Ungnad, Türkenbuch, Feder in Grau, Pinsel in Wasser- und Deckfarben auf Papier, mit Gold und Silber gehöht, 495 x 310 mm, SKD, Kupferstich-Kabinett, Inv.Nr. Ca 170, fol. 8 (© Kupferstich-Kabinett Dresden)

  1. Die Vergabe von Aufträgen durch Kurfürst August lässt sich anhand mehrerer Quellen verifizieren. 1575 gab er bei seinem Hofmaler und Kupferstecher Friedrich Bercht (gest. 1585) gedruckte Darstellungen von sächsischen Städten sowie Entwürfe für Inventionen und Ritterspiele in Auftrag. Bercht sandte August die Kupferstiche zu, der diese offenbar höchstpersönlich begutachtete, wie aus einem Brief an Bercht hervorgeht: "Wir haben die andern nachgeschickten Kupfferstich empfangen unnd haben uns dieselbig besser denn der ersten gehalten, begehren derhalben du wollest unns derselben Kupfferstich mehr druck[en]."16

  2. Ein Beleg für die direkte Auftragsvergabe durch den Kurfürsten findet sich in der handschriftlichen Widmung eines Pflanzenbuches des Torgauer Stadtarztes Johannes Kentmann (1518-1574). Laut dieser wurde das Werk ausdrücklich "auf Ewer Churfürstlichen Durchlauchtigkeit befehl undertheniglich" angefertigt.17 Das Buch enthält 600 naturgetreue Pflanzenillustrationen heimischer und ausländischer Gewächse und wurde 1563 fertiggestellt (Abb. 3).