Skip to content. | Skip to navigation

0003 Manuel Weinberger, Verschollen geglaubtes Planmaterial von Balthasar Neumann ...

RIHA Journal 0003 | 14 April 2010

Verschollen geglaubtes Planmaterial von Balthasar Neumann und seinem Baubüro, und eine unbekannte Zeichnung aus dem Umfeld Johann Dientzenhofers1

Manuel Weinberger

Peer review and editing organized by:

Kommission für Kunstgeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien / Commission for the History of Art at the Austrian Academy of Sciences, Vienna

Reviewers:

Jarl Kremeier, Franz Matsche

Abstract

The article deals with 31 plans the author came across in the cartographic collection of the Austrian National Library. The drawings, rendering as yet unknown information on the blueprints of the residences of Bamberg, Mergentheim, Bruchsal and the Imperial Chamber Court (Reichskammergericht) of the Holy Roman Empire at Wetzlar, are assigned to the workshop of Balthasar Neumann, some of them personally signed by him. Furthermore, a first draft of Weißenstein castle near Pommersfelden, ascribed to Johann Dientzenhofer or his workshop, was discovered and is presented.

Contents

<1>

Einleitung

Im Rahmen der Forschungen zum "Hofburgprojekt" der Kommission für Kunstgeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften konnten die Bestände der Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek2 systematisch durchgesehen werden. Bei der Suche nach Vergleichsbeispielen zum Wiener Residenzbau tauchten mehrere bedeutende und bis dato völlig unbekannte oder seit langem als verschollen angesehene Pläne einiger wichtiger Bauwerke des Deutschen Barock von der Hand oder aus dem Baubüro Balthasar Neumanns, sowie eine Planung Johann Dientzenhofers auf. Warum und seit wann sich diese Pläne in Wien befinden, kann nicht genau gesagt werden, allerdings gibt es zu diesen Fragen mehrere mögliche Erklärungen, die im Weiteren ebenfalls behandelt werden. Die Fülle des aufgefundenen Materials, insgesamt einunddreißig Pläne zu fünf Bauprojekten, macht eine Detailuntersuchung unmöglich, sodass hier lediglich eine Bekanntmachung und erste Betrachtung vorgenommen werden kann.

<2>

Im Folgenden werden Baupläne zur Residenz in Bamberg, zum Reichskammergericht in Wetzlar, dem Hoch- und Deutschmeisterschloss in Mergentheim, Schloss Bruchsal, sowie eine Planung zu Schloss Weißenstein in Pommersfelden kurz vorgestellt.3 Das gesamte aufgefundene Material weist lediglich Inventar-Signaturen auf den jeweiligen Mappen, jedoch keine Einzelsignaturen auf den Plänen selbst auf, sodass für diesen Aufsatz eine eigene Bezeichnung der einzelnen Blätter vom Autor geschaffen wurde.

<top>

<3>

Die Planungen zu Bamberg

Die Geschichte der Neuen Residenz Bamberg, Sitz des Fürstbischofs des Fürstbistums Bamberg, wurde bereits eingehend erforscht.4 Die hier angestellten Überlegungen behandeln die Zeit des Fürstbischofs Friedrich Karl Reichsgraf von Schönborn, ab 1729 Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, sowie von 1705 bis 1734 auch Reichsvizekanzler. Die Bamberger Residenz bestand damals bereits aus dem Lochaugassentrakt, dem Eingangstrakt, dem Burggassentrakt und dem hinteren Trakt. Mit dem Amtsantritt Friedrich Karls wurde Balthasar Neumann für das gesamte Bauwesen in den Fürstbistümern Bamberg und Würzburg berufen. Die im Folgenden vorgestellten Pläne behandeln den Beginn der Amtszeit Friedrich Karls als Fürstbischof von Bamberg.5 Neumann sandte zu diesem Zeitpunkt Bestandspläne an den Reichsvizekanzler nach Wien und entwickelte in seinem Auftrag Neubaupläne für ein großes Ehrenhofprojekt in Bamberg, bei dem ein parallel zum Lochaugassentrakt stehender Flügel den Domplatz dementsprechend umgestaltet hätte.

<4>

Das in Wien zu diesem Projekt erhaltene Planmaterial befindet sich in einer "Plans de la Residence Episcopale de Bamberg" benannten Mappe.6 In dieser liegen insgesamt siebzehn Pläne, von denen sechs Bamberg betreffen.7

<5>

Zu allererst sei hier der in der Literatur immer wieder als verschollen angegebene8 "Hauptplan" der Residenz angeführt, der von Balthasar Neumann signiert und mit 17. Dezember 1730 datiert ist.9

1 Balthasar Neumann, Bamberg, Hauptplan, 17. Dezember 1730, vergilbtes Papier, 693 x 692 mm. Österreichische Nationalbibliothek, Kartensammlung, Wien, Sign: Alb *Port 16,5 Kar (Foto © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv)

Die dargestellte Planung nimmt das in den Jahren 1737/38 von Johann Jakob Michael Küchel vorgestellte Ehrenhofprojekt teilweise vorweg, sodass eine Beeinflussung Küchels durch die aufgefundenen Pläne angenommen werden kann.10 Die bereits bestehende Neue Residenz dürfte dabei unverändert bleiben, ganz im Gegensatz zur alten Hofhaltung, die offenbar gänzlich abgerissen werden sollte. Wie in allen bereits bekannten Planungen sollte die Burggasse (bzw. heute Obere Karolinengasse) durch Verlängerung des Eingangstrakts überbaut werden, wobei eine "Durchfahrt" weiterhin den Verkehr ermöglicht hätte. Anstelle der Alten Hofhaltung in der Burggasse wäre gegenüber der Neuen Residenz nur eine "alte Mauer" stehen geblieben, an deren Ende eine weitere Überbauung den Abschluss bilden sollte. Als Pendant zum Lochaugassentrakt war ein spiegelsymmetrischer linker Flügel geplant, der den zu schaffenden Ehrenhof vollendet hätte. Die Gebäude der Alten Hofhaltung wären durch ein ähnliches, dem alten Verlauf aber nur in Ansätzen folgendes Gebilde ersetzt worden. Aus dem Plan lässt sich keine weitere Gestaltung des Neubaus ableiten. Lediglich der linke Ehrenhofflügel weist ehrenhofseitig in Bleistift eine zusätzliche Strukturierung auf, die jene des bestehenden rechten Ehrenhofflügels, des Lochaugassentrakts, übernimmt.

<6>

Auf diesem "Hauptplan" kann außerdem kein Projekt für eine eventuelle Hofkapelle oder Hofkirche erkannt werden, wie dies in dem erstmals von Mayer vorgestellten Plan11 der Fall ist. Dieser Grundriss Mayers, der erstmals eine Planung für eine Hofkirche zeigt und bis dato als alleinstehende Kopie verschollenen Planmaterials galt, kann durch die Wiener Funde nun in viel umfassenderer Weise beurteil werden.

<7>

Die Mappe der Kartensammlung der ÖNB beinhaltet vier Pläne, die das Ehrenhofprojekt mitsamt der projektierten Kirche in zwei Varianten zeigen. Einer der Pläne, Plan A, ist mit dem von Mayer entdeckten Bamberger Plan nahezu identisch und könnte aufgrund der größeren Genauigkeit im Gartenbereich eventuell sogar das kopierte Original darstellen.

2 Bamberg, Plan A, Grundriss Erdgeschoß, vergilbtes Papier, 605 x 450 mm. Österreichische Nationalbibliothek, Kartensammlung, Wien, Sign: Alb *Port 16,5 Kar (Foto © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv)

In einem der maßgeblichen Punkte, der Mayer und Dümler zu einer Datierung in das Jahr 173312 bzw. 173113 führte, unterscheiden sich aber die zwei Wiener Erdgeschoßpläne (Plan A und C):

3 Bamberg, Plan C, Grundriss Erdgeschoß, vergilbtes Papier, 600 x 445 mm. Österreichische Nationalbibliothek, Kartensammlung, Wien, Sign: Alb *Port 16,5 Kar (Foto © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv)

Beide weisen noch die alte, beim hinteren Trakt befindliche und vom Hofgarten in den Keller führende Treppe auf, welche erst 1733/34 in die Arkaden verlegt wurde. Zusammen mit den Hinweisen Dümlers in Bezug auf die Umbauten im Lochaugassentrakt vor 1731 würde das Wiener Planmaterial eine Datierung um 1731 unterstützen: der Lochaugassentrakt ist im Zustand vor 1731 dargestellt. Anders als der bei Dümler abgebildete Plan, der die Kellertreppe im Hofgarten im Zustand nach dem Umbau 1733/34 zeigt und somit Mayer zu einer anderen Datierung führte, spricht die Treppe der Wiener Pläne im alten Bauzustand ebenfalls für eine zeitliche Einordnung vor 1733. Diese Datierung muss aber mit Vorsicht ausgesprochen werden, da das allgemeine Erscheinungsbild der Pläne auch Hinweise auf eine andere Entstehung gibt: die vier Pläne scheinen aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausführung aus zumindest zwei verschiedenen Plansätzen zu stammen, beziehungsweise von zwei unterschiedlichen Zeichnern verfasst worden zu sein. Der Umstand, dass sich bis auf einige wenige Details lediglich der neu zu erbauende Trakt in den vier Plänen unterscheidet,14 die restlichen Trakte aber unverändert bleiben, gibt Anlass anzunehmen, dass eine bestehende Bestandsaufnahme mehrfach für die Neuplanungen kopiert wurde. Somit könnte auch nur die ursprüngliche Bestandsaufnahme um oder vor dem Jahr 1731 entstanden sein, die hier vorliegenden Ehrenhofprojekte mit Hofkapelle aber auch einem etwas späteren Zeitpunkt entstammen.

<8>

Die folgenden Betrachtungen richten sich ausschließlich auf die Gestaltung der Hofkapelle, weist doch der restliche projektierte Trakt keine Besonderheiten auf, sieht man von der Tatsache ab, dass lediglich auf Plan A (Abb. 2) die Ecken des Stiegenhauses abgerundet und bei den übrigen Plänen eckig sind.

<9>

Auf den ersten Blick scheinen die Pläne A und D (Abb. 2, 4), sowie C und B (Abb. 3, 5) jeweils zusammen zu gehören.

4 Bamberg, Plan D, Grundriss 2. Obergeschoß, vergilbtes Papier, 535 x 415 mm. Österreichische Nationalbibliothek, Kartensammlung, Wien, Sign: Alb *Port 16,5 Kar (Foto © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv)

Diese Annahme ergibt sich aufgrund der dargestellten Außenwände der Hofkapelle, welche den Eindruck erwecken, aufeinander abgestimmt zu sein: einmal außen abgerundet, einmal mit zur Alten Hofhaltung hin herausragender Altarnische. Allerdings treten bei dieser Annahme sofort einige Probleme auf, welche sie in Frage stellen. Die Art der zeichnerischen Ausführung bedingt bei dieser Zusammenstellung die Vermutung, dass die jeweils zusammengehörenden Pläne von zwei verschiedenen Händen verfasst wurden. Es stellt sich somit die Frage, warum nicht ein Zeichner ein Projekt anfertigte? Wenn diese Frage auch noch durch die theoretische Möglichkeit erklärt werden könnte, dass zwei Kopisten unterschiedliche Planstudien kopierten, wobei beide rein zufällig jeweils Erdgeschoß des einen, und Obergeschoß des anderen Projektes abzeichneten, blieben bei den weiteren Unstimmigkeiten zahlreiche offene Fragen. Es gälte nämlich weiterhin zu eruieren, warum bei Plan D keine Säulen im Obergeschoß eingezeichnet wurden, beziehungsweise warum die in Plan B aufscheinenden Säulen im dazugehörigen Erdgeschoß fehlen.

5 Bamberg, Plan B, Grundriss 2. Obergeschoß, vergilbtes Papier, 600 x 440 mm. Österreichische Nationalbibliothek, Kartensammlung, Wien, Sign: Alb *Port 16,5 Kar (Foto © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv)

Als Erklärung bietet sich hier nur die Möglichkeit an, dass der Architekt mit allen möglichen Varianten spielen wollte. Die Verwendung von Säulen nur im Erd- beziehungsweise nur im Obergeschoß schließt aber gleichfalls die Möglichkeit eines durchgehenden Raumes bei der vorliegenden Plansituation mehr oder weniger aus. Lediglich Plan D (Abb. 4) bietet die Möglichkeit von durch Säulen getragenen Emporen im zweiten Obergeschoß, was aber zu einer erheblichen Einengung des Raumes führen würde. Ebenso bliebe die Konstruktion auf Plan B unklar: die im Untergeschoß auf Plan C (Abb. 3) nicht vorbereiteten Säulen könnten dann eigentlich nur in einem Zwischengeschoß beginnen, da ansonsten die eingezeichnete Empore keinen Sinn ergäbe.

<10>

Bei den Plänen A und D (Abb. 2, 4) gibt es ähnliche Fragen. Die einzige Möglichkeit eines durchgehenden Raumes wäre dann gegeben, wenn die Säulen im Erdgeschoß Emporen im ersten Obergeschoß tragen, und der Fürstbischof eine eigene Empore im zweiten Geschoß, dem Hauptgeschoß, hatte.

<11>

Es gilt nun hier für alle vier Pläne noch eine andere Möglichkeit anzudenken, die diese Unstimmigkeiten weitgehend auf plausible Art und Weise zu erklären vermag und gleichsam eine bedeutend spannendere Kapellenlösung aufzeigt:15 die Kombination der Pläne A und B (Abb. 2, 5), sowie C und D (Abb. 3, 4).16 Ein erster Vergleich zeigt hier bedeutend mehr Kongruenzen im Bereich der Grundrisse, Mauerstärken, Säulendicken – von der formalen Übereinstimmung der Pläne ganz abgesehen.17

<top>

<12>

Kapellenprojekt der Pläne A und B

Der im Weiteren vorgestellte Entwurf zeigt in dieser Zusammenstellung eine im Schaffen Balthasar Neumanns komplett neue Lösung, und darf als besonders ungewöhnliche Invention angesehen werden.

6 Bamberg, Plan A, Grundriss Erdgeschoß (Ausschnitt) und Plan B, Grundriss 2. Obergeschoß (Ausschnitt). Österreichische Nationalbibliothek, Kartensammlung, Wien, Sign: Alb *Port 16,5 Kar (Fotos © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv)

Im Erdgeschoß (Plan A) handelt es sich um einen Zentralbau mit drei großen, jeweils von Säulen eingerahmten rechteckigen Seitenkapellen. Zusammen mit der Vorhalle weitet sich der kreisförmige Raum somit zum griechischen Kreuz. Insgesamt acht Säulen rahmen die Abseiten beziehungsweise die Vorhalle ein. Links und rechts der großen Abseite zur Alten Hofhaltung hin, in der man den Hauptaltar annehmen kann, befinden sich zwei kleine Nischen.18 In allen Nischen sind Fensteröffnungen erkennbar. In den kleinen Intervallen links und rechts des Eingangs ist die Zeichnung nicht eindeutig zu erkennen, es dürfte sich aber um vermauerte Flächen handeln. Vom Ehrenhof kommend erschließt sich gleich links des Eingangs ein Raum, vermutlich die Sakristei, rechts gelangt man zu einer Wendeltreppe. So "konventionell" der Erdgeschoßriss ist, so spektakulär verhält sich dazu der Grundriss des zweiten Obergeschoßes (Plan B).

<13>

Die freistehenden Säulen des Erdgeschoßes reichen bis in das zweite Obergeschoß und sind Pilastern vorgelagert.19 Rund um den gesamten Zentralraum verläuft eine Empore, die Zwischenräume der innen tragenden Pfeiler werden durch Balustraden geschlossen.

<14>

Für die Außenmauern und den Raumeindruck ergibt dies eine komplette Veränderung: der Grundriss ist hier nicht mehr der eines griechischen Kreuzes, sondern der Raum wird wieder zum perfekten Zentralbau in Form eines nicht scharf umrissenen Oktogons. Die umlaufende Empore schließt sich wie ein Ring um den inneren Zentralraum, die Außenmauern der eckigen Nischen werden durch achtelkreisförmige Rundungen miteinander verbunden. Ob sich die angesprochenen Fensteröffnungen der Nischen vom Erdgeschoß bis nach oben durchziehen, oder ob es sich jeweils um eigene Fensteröffnungen handelt, geht aus den Grundrissen nicht hervor. Den einzig logischen Abschluss dieses Baus muss eine Kuppel bilden. Bedenkt man andere Kuppellösungen Neumanns bei Kirchenbauten mit freistehenden Säulen, so könnte es sich auch hier um eine eingestellte, lediglich auf den Säulen ruhende Kuppel handeln. Der Eindruck eines in der Mitte stehenden rhythmischen Monopteros, gelöst von der restlichen Architektur, würde sich dadurch verstärken.

<15>

Ein derartiges Projekt ist nicht nur eine weitere, bis dato völlig unbekannte Facette im Schaffen Balthasar Neumanns, sie muss auch generell als äußerst unkonventionelle, herausragende Lösung angesehen werden.

<top>

<16>

Kapellenprojekt der Pläne C und D

Weitaus klassischer, wenn auch nach wie vor durchaus innovativ ist die folgende Planvariante, welche gleichsam als umgekehrte Version des soeben gezeigten Projektes angesehen werden kann.