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0020 Günther Buchinger und Doris Schön, "… jene, die ihre hände hilfreich zum bau erheben …": Zur zeitlichen Konkordanz von Weihe und Bauvollendung am Beispiel der Wiener Augustinerkirche und Georgskapelle

RIHA Journal 0020 | 18 April 2011

"… jene, die ihre hände hilfreich zum bau erheben …":

Zur zeitlichen Konkordanz von Weihe und Bauvollendung am Beispiel der Wiener Augustinerkirche und Georgskapelle

Günther Buchinger und Doris Schön

Peer review and editing organized by:

Kommission für Kunstgeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien / Commission for the History of Art at the Austrian Academy of Sciences, Vienna

Reviewers:

Armand Baeriswyl, Johann Josef Böker

Abstract

The Augustinian Church in Vienna and the adjacent St. George's Chapel have recently been analysed for the first time according to structural archaeological and art historical criteria and these results compared with the plentiful written sources. The interdisciplinary research was part of the project researching the architectural history of the Vienna Hofburg, which is based at the Art Historical Commission of the Austrian Academy of Sciences, and has resulted in new discoveries, which have necessarily led to a re-assessment of the rarely-challenged older data about the architectural history of the buildings. The associated art historical view of the German roots of the artistic spatial plan behind the Augustinian Church is also for the most part untenable.

Inhalt


Einleitung

Die architekturhistorische Forschung ist in baugeschichtlichen Fragen sehr dankbar für die Existenz schriftlichen Quellenmaterials. Dieses wird in Österreich oft für Datierungen herangezogen, ohne aber die originalen Textstellen auf ihre Aussagen zu prüfen oder das Ergebnis mittels anderer Methoden (Stilkritik, Bauarchäologie, Dendrochronologie) kritisch zu hinterfragen. Umfassende interdisziplinäre Zusammenarbeit, wie in anderen Ländern längst üblich,1 bleibt hierzulande oft ein Desiderat. Die Folge davon sind Missverständnisse in der Übernahme baugeschichtlicher Angaben. So wurden etwa Weihedaten gerne irrtümlich als Zeitpunkte für die Bauvollendung eines Sakralbaus übernommen und über Generationen als fixe Datierungen tradiert. Durch diesen Umstand kommt es häufig zu falschen zeitlichen Ansätzen und Fehlinterpretationen.

Weiheurkunden waren aber oft Ablässe angeschlossen, deren exakt wiedergegebene Formulierungen Aufschluss über den Baufortschritt liefern können. Ablässe wurden gemeinhin für den Besuch des geweihten Raumes erlassen, aber auch für "hilfreiche Hände" ("manus adiutrices"), die sich entweder "für den Bau erheben werden" ("ad fabricam porrexerint") oder "für die Erhaltung des Baus und der Ausstattung" ("ad reparationem ac conservationem edificii calicum librorum et aliorum ornamentorum pro divino cultu inibi necessariorum"). Aus Weihe- und Ablassurkunden ist demnach oft zu entnehmen, ob sich eine Kirche oder Kapelle zum Zeitpunkt der Weihe noch in Bau befand oder bereits baulich vollendet war und nur mehr ausgestattet werden musste.

Im Zuge des Projektes zur Erforschung der Baugeschichte der Wiener Hofburg an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Kommission für Kunstgeschichte,2 ist nun ein besonders gravierendes Beispiel dafür zu Tage getreten, wie weit Weihe- und Vollendungsdaten auseinander liegen können: die Wiener Augustinerkirche, geweiht 1349, und die benachbarte Georgskapelle, geweiht 1341. Diese Daten wurden in der Literatur allgemein als Zeitpunkte der Vollendung angesehen.3 Für 1327 ist die Stiftung des Augustinerklosters durch König Friedrich den Schönen belegt. Beide Bauten, die zweischiffige Kapelle und die dreischiffige Kirche gelten als wichtige Beispiele hochgotischer Hallenarchitektur in Österreich, weiters wird auf den längsten Chor der österreichischen Bettelordensarchitektur mit fünf Jochen verwiesen, an den ein ungewöhnlicher 7/10-Schluss gefügt ist. Bislang wurde noch nie ernsthaft die Frage gestellt, wie plausibel die Vollendung dieser gewaltigen Baumasse in einer so kurzen Zeitspanne von nur gut zwanzig Jahren ist, obwohl doch für prominentere Kirchenbauten viel längere Bauzeiten bekannt sind (vgl. den Wiener Stephansdom).4

In den vergangenen Jahren konnte nun mit verschiedenen Methoden die bisherige Datierung überprüft werden: mit einer bauarchäologischen Untersuchung der Außenmauern im Dachraum über den Gewölben der Kirche, mit einer kunsthistorischen Analyse unter Aufarbeitung älterer Restaurierberichte, insbesondere bezüglich der Gewölberippen und Schlusssteine (die übrige Gliederung der Augustinerkirche wurde im 17. Jahrhundert, 1784 unter Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg und nochmals 1873 verändert), und mit einer Überprüfung der archivalischen Quellen. Dabei kam zu Hilfe, dass am Institut für Österreichische Geschichtsforschung der Universität Wien achtzig bislang unedierte mittelalterliche Urkunden aus dem ehemaligen Archiv der Wiener Augustiner aufgearbeitet werden konnten, sodass es im Verein mit zahlreichen kopial überlieferten Urkunden (die ältesten Kopialbücher stammen aus dem 14. und 15. Jahrhundert) möglich war, das mittelalterliche Klosterarchiv weitgehend zu rekonstruieren.5 Auf dieser Basis konnten sowohl die Aussagekraft der Weiheurkunden für die Baugeschichte überprüft als auch zahlreiche seit dem 19. Jahrhundert tradierte Legendenbildungen als solche überführt werden. Es stellte sich einerseits heraus, dass die Bauzeit der Augustinerkirche über einhundert Jahre länger dauerte, als bisher angenommen, und anderseits, dass einige baugeschichtliche Topoi historisch betrachtet vollkommen fiktiv sind, wie etwa der erste Prior Conrad, der aus Bayern stammen sollte, der ausführende deutsche Baumeister Dietrich Ladtner und die Vermittlung elsässischer Entwurfspläne durch Thomas von Straßburg. Die damit verbundene kunsthistorische Interpretation der deutschen Wurzeln des künstlerischen Raumkonzepts der Augustinerkirche ist daher ebenfalls großteils unhaltbar.

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Vorgeschichte, Gründung und Baubeginn

Friedrich Rennhofer legte 1956 die Geschichte des Wiener Augustinerklosters vor 1327 dar, die hier daher nur skizzenhaft wiedergegeben wird.6 Vor dem Werdertor, also nördlich der Stadt in der Aulandschaft der Donau gründeten die Augustiner-Eremiten, die 1256 aus verstreut lebenden Kommunen zu einem Orden zusammengefasst worden waren, ihre erste Wiener Niederlassung. 1266 wäre das Kloster aus unbekannten Gründen von Wiener Bürgern zerstört worden und 1276 neuerlich abgebrannt. Um 1288 sollten Ablässe und Stiftungen den Wiederaufbau gewährleisten. Eine päpstliche Verfügung von 1293, wonach niemand am Besuch der Augustinerkirche zu Wien und an deren Förderung gehindert werden dürfe, ließe vermuten, dass damals noch eine Abneigung gegen den neuen Orden und seine abgekehrte Lebensweise bestanden hätte. 1299 wurde von der deutschen Provinz eine selbständige österreichisch-böhmische Ordensprovinz mit Wien als wichtigster Niederlassung abgetrennt.

Im frühen 14. Jahrhundert mehrten sich die Stiftungen für den Konvent.7 Diese Entwicklung kulminierte in der Donation eines neuen Klosters durch König Friedrich am 15. März 1327. Er stiftete mit Zustimmung seiner Brüder, den Herzögen Albrecht II. und Otto dem Fröhlichen, eine

domu(m) in Wien(n)a que olim p(er)tinebat Monasterio Maurbacen(si) sitam in alta strata cu(m) quibusdam areis adiacentibus ubi ad cultu(m) diuini mi(ni)sterii augmentandu(m) novu(m) eisdem Monasteriu(m) cu(m) choro Ecc(les)ia domo et aliis officinis eis necessariis funda(n)du(m) et erigendu(m) p(er)misimus p(er) ip(s)os tene(n)du(m) inhabitandu(m) et p(er)petuo possidendu(m),8

also ein Haus in Wien, welches früher dem Kloster Mauerbach gehört hatte und an der Hochstraße lag, mitsamt anliegenden Grundstücken, wo ein neues Kloster mit Kirche, Chor, Haus und Wirtschaftsgebäuden gegründet und errichtet werden sollte (Abb.1a, Parzelle Nr. 2). Aus dem bestehenden Kloster der Augustiner außerhalb des Werdertors sollten dreizehn Priester hier wohnen. Wenn es die Almosen der Gläubigen ermöglichten, könnte der Konvent erweitert werden. Der Baukomplex muss gewaltige Ausmaße gehabt haben, da die Dienstpflicht jährlich die große Summe von 40 Pfennig umfasste.9 Mit dieser Stiftung war nun ein großer Baugrund gegeben, der zur Errichtung eines Klosters und einer Kirche geeignet war.

Es stellt sich zunächst die Frage, warum Friedrich der Schöne den Augustinerorden in dieser großzügigen Form gefördert hat? Bis in die rezente Literatur wird dafür eine politische Begebenheit verantwortlich gemacht – die Gefangenschaft Friedrichs auf der Burg Trausnitz bei Landshut, in die der österreichische Landesfürst 1322 nach der Schlacht bei Mühldorf gegen König Ludwig den Bayern für drei Jahre geraten war.10 Diese historische Tatsache führte zu einer Legendenbildung, beruhend auf einer Studie Karl Linds aus dem Jahr 1863, von dem die bisherige kunsthistorische Literatur folgende Passage übernommen hat:

Friedrich der Schöne gelobte in seiner Gefangenschaft zu Trausnitz für den Fall seiner Befreiung dem Orden der Augustiner aus Dankbarkeit ein neues Kloster zu stiften, da sich der am Hofe des Königs Ludwig von Baiern befindliche Augustinerprior Conrad (Tattendorfer) viel um die Befreiung Friedrichs aus der Kriegsgefangenschaft bemüht haben soll. Bald nach seiner Rückkehr (1325) löste Friedrich sein Gelübde. Er berief eben diesen Augustinerprior, der sich auch nicht minder um die Verwirklichung des Gelübdes annahm, mit mehreren Ordensbrüdern nach Wien und händigte denselben die Stiftungsurkunde dto. 15. März 1327 ein.11

Lind wiederum berief sich auf die Österreichische Chronik des Vitus Arenpeck, der um 1495 die Ereignisse erstmals so darstellte.12 In den Originalurkunden allerdings wird zu dieser Zeit nie ein Prior Conrad in Wien erwähnt, im Gegenteil: Mit einer Urkunde vom 28. September 1326 verkauften die Herren von Stadeck ihr Haus "Bruder Herman zu den zeiten Prior und der sammunge gemaine datz den Augustinern ze Wienne".13 Die nur in Abschriften erhaltene Stiftungsurkunde erwähnt den Namen des Priors zwar nicht, doch in einer Urkunde vom 23. April 1327 verkauften "Wir prueder herman zu den zeiten prior und der convent gemain sand Augustins orden ze Wienn" einen Weinberg,14 und in der Abschrift einer Urkunde vom 7. September 1327 nahmen "Frater Hermann Prior Totusque Conventus in Vienna Fratrum Eremitarum Ordinis S. Augustini” die Stiftung Friedrichs des Schönen an.15 Damit ist eine Kontinuität in der Führung des Klosters durch Prior Hermann für die Zeit vor und nach der Stiftung gesichert.

Die tatsächliche Rolle Conrad Tattendorfers, des Priors des Münchner Augustiner­konvents, lag hingegen darin, als Beichtvater König Ludwigs den Trausnitzer Vertrag zwischen seinem Landesfürsten und Friedrich dem Schönen zuwege gebracht zu haben.16 Später stand er als Bischof von Osimo und oberster kaiserlicher Kaplan an der Spitze der antikurialen Partei Bayerns. Tattendorfer leitete also definitiv nicht den Wiener Konvent als Prior – der enge Kontakt mit Friedrich dem Schönen in den Jahren 1322 bis 1325 kann vielleicht zu einer Anregung geführt haben, die sich archivalisch jedoch nicht belegen lässt.

Daraus resultiert nun die Frage, warum Vitus Arenpeck um 1495 die Bedeutung Tattendorfers für die Gründung des Klosters derart übersteigert hat? Wohl nicht zufällig wurde die Chronik in einer Zeit verfasst, als Kaiser Maximilian eine Annäherung an die Herzöge von Bayern suchte. Die im 15. Jahrhundert bestehende antihabsburgische Tradition Bayerns fand durch den Kaiser ihr Ende, als er es verstand, die Herzöge Albrecht von Bayern-München und Georg von Bayern-Landshut mit Österreich auszusöhnen.17 Den vorläufigen Höhepunkt dieser neuen politischen Konstellation bildete der Wormser Reichstag 1495, auf dem beide Herzöge den Kaiser gegen die Kurfürstenpartei unterstützten. Der Chronist des späten 15. Jahrhunderts beschwor offenbar unter dem Eindruck der neuen Lage die Achse Österreich-Bayern, indem er eine historische Begebenheit überhöhte und den seit 170 Jahren währenden Frieden zwischen den beiden Ländern beschwor ("ut praedictam concordiam, & futuram inter eos ac illorum semen perpetuam inirent pacem: quae ex Dei gratia inviolabilis jam centum septuaginta pene duravit annis").18 So wurde die Freilassung Friedrichs des Schönen durch König Ludwig gleich mit der großzügigen Überlassung von dessen Beichtvater und wichtigen politischen Berater verbunden. Die Fiktion dieses historischen Ereignisses diente Arenpeck als Grundlage für die politische Lage seiner Zeit.

Das bisher Besprochene belegt nicht nur die Kontinuität in der Ausübung des Amtes des Priors vor und nach der Gründung des neuen Klosters, sondern auch die selbständige Verlagerung der Interessen des Augustinerkonvents von der Peripherie vor dem Werdertor in die Stadt schon kurz vor der Neugründung. Denn schon am 28. September 1326 verkauften – wie schon erwähnt – die Brüder Rudolf und Hartneid von Stadeck dem Konvent ein Haus an der Hochstraße, das nördlich der späteren Kirche am heutigen Josefsplatz lag (Abb. 1a, Parzelle Nr. 1).19

1a (links) Rekonstruierte Parzellen auf dem Gebiet der heutigen Augustinerkirche und des ehemaligen Augustinerklosters, die schwarzen Striche markieren die in den Kellern erhaltenen Reste der Vorgängerbauten. 1b (rechts) Grundriss, A Augustinerkirche, B Loretokapelle, C Ritterkapelle, D Sakristei, E Augustinerturm an der ehemaligen Stadtmauer (Pläne © Paul Mitchell [1a] und Eva Kronberger [1b], Wien 2010)

Erst ein halbes Jahr später förderte Friedrich der Schöne den von den Augustinern selbst eingeleiteten Prozess. Vergleicht man diese Entwicklung mit anderen Augustiner-Konventen im deutschsprachigen Raum, so sind erstaunliche Parallelen feststellbar, die von Susanne Fritsch aufgearbeitet worden sind.20 Nachdem Papst Alexander IV. 1256 verfügt hatte, dass die Augustiner-Eremiten die Einsamkeit verlassen und in die Städte ziehen sollten, um sich der Seelsorge zu widmen, ergaben sich allerorts massive Probleme mit dem Weltklerus, der um seine Einkünfte fürchtete. Auch die päpstliche Anordnung von 1268, wonach der Weltklerus den Augustinern den Umzug in die Städte nicht untersagen, sondern ihnen bei der Niederlassung in den befestigten Städten behilflich sein sollte, zeigte meist keine Wirkung. Die Augustiner-Eremiten von Nürnberg schafften es nach 1270, in die Stadt zu übersiedeln, jene von Osnabrück erst vor 1294, während den Eremiten aus München und Magdeburg der Umzug gar nicht gelang. In Erfurt, Strassburg und Würzburg folgte ein jahrelanger Konflikt mit dem Weltklerus bezüglich der Einkünfte, obwohl eine päpstliche Bulle von 1317 verfügte, dass die Augustiner in ihrer Freiheit zu predigen und die Beichte zu hören nicht eingeschränkt werden durften. Bei anderen Bettelorden ist dieses Problem nicht überliefert, man trat den Augustinern demnach mit einer größeren Skepsis entgegen. Hilfreich war aber offenbar das Interesse der Landesherren, die in Wien wie etwa auch in Osnabrück gegen den Widerstand des Weltklerus die Etablierung des Konvents innerhalb der Stadtmauern zur Förderung der Seelsorge unterstützten. Möglicherweise wäre es dem Wiener Konvent aus eigener Kraft nicht gelungen, mit dem ersten Grundstückserwerb 1326 auch die Verlegung des Konvents in die Stadt zu bewerkstelligen. Die Stiftung Friedrichs des Schönen ist demnach als Hilfestellung für die Bemühungen des Ordens zu verstehen und nicht als Einlösung eines historisch nicht belegbaren Gelübdes, das erst im späten 15. Jahrhundert in die Historiographie eingeführt wurde.

Neben dem Ausmaß der königlichen Stiftung in Wien ist in diesem Zusammenhang auch die Nähe des Stiftsgutes zur landesfürstlichen Burg bemerkenswert und möglicherweise von beiden Seiten beabsichtigt gewesen. An den ersten Erwerb eines Hauses am heutigen Josefsplatz wird wohl die Stiftung Friedrichs des Schönen auch räumlich angeschlossen haben – ein größerer Abstand mit Parzellen zwischen den beiden Grundstücken erscheint nicht plausibel (Abb. 1a). Richard Perger lokalisierte das Stiftungsgut noch im Süden des späteren Klosters, im Bereich des heutigen Pfarrhofes,21 vielmehr ist aber aus genannten Gründen davon auszugehen, dass alle Erwerbungen, die in diesen Jahren vollzogen wurden, sukzessive von Norden nach Süden fortschritten. Die Stiftung Friedrichs dürfte daher in etwa das Areal des heutigen Langhauses und des ehemals westlich anschließenden Kreuzgangs eingenommen haben.

Offenbar reichte der Grund jedoch bei weitem nicht zur Errichtung der gesamten Kirche: 1330 erfolgte der Erwerb einer benachbarten Badstube (Abb. 1a, Parzelle Nr. 3),22 deren Existenz bereits 1317 erstmals belegt ist,23 1326 von einem Fridlin24 und auch noch 1342 vom Kloster betrieben wurde.25 Der Grunddienst an das Wiener Bürgerspital betrug die unwahrscheinlich hohe Summe von 60 Pfennigen jährlich26 und der Kaufpreis 77 Mark Silber, das sind 462 Pfund Pfennige – eine Summe, die im 14. Jahrhundert für den Erwerb eines dreigeschoßigen Gebäudes mit vier Trakten reichte.27 Ob diese Summe mit der Größe der Anlage oder der Kostbarkeit ihrer Ausstattung in Zusammenhang stand, lässt sich nicht entscheiden. Richard Perger lokalisierte die "padstuben, di da leit auf der hohstrazze ze nehste pei den Augustinern"28 nördlich des Stiftsgutes von 1327, im Bereich des heutigen Langhauses.29 Da die Badstube aber noch 1342 in Betrieb stand, also nur sieben Jahre vor der Weihe und der vermeintlichen Vollendung der Kirche, ist dies auszuschließen, vielmehr ist die Badstube südlich des Kernbaus im Bereich des heutigen Chores anzunehmen, der 1349 – wie weiter unten gezeigt wird – noch nicht in Bau stand. Auf dem rückwärtigen, ursprünglich vielleicht unverbauten Teil der Parzelle müsste zu diesem Zeitpunkt bereits die Georgskapelle errichtet worden sein.

1331 erfolgte schließlich der Erwerb eines kleineren Hauses an der Ringmauer (Abb. 1a, Parzelle Nr. 4) um 10 Mark Silber, also 60 Pfund Pfennige von der Karthause Mauerbach.30 Das Haus stand "an der hohstrazze ze Wienne pei der Rinchmaure hinder chonrades hause des Gemaches" (Abb. 1a, Parzelle Nr. 5) und ist dadurch mit einem 1317 erwähnten Backhaus zu identifizieren.31 Richard Perger lokalisierte das Haus ganz im Norden, hinter der Badstube,32 wofür es keine Hinweise gibt. Plausibler erscheint wieder eine Zuordnung in den südlichen Bereich, wobei die Bezeichnung "bei der Ringmauer" eine räumliche Zuordnung hinter dem späteren Chorschluss möglich macht.

Die topographische Determinante der Hochstraße (heute Augustinerstraße), die das Schotten- und Kärntnertor miteinander verband und von Nordnordwest nach Südsüdost verlief, bestimmte, dass bei einem Erwerb von Grundstücken entlang dieser Straße eine Nord-Süd-Ausrichtung der Kirche folgerte und die gebräuchliche Ostung nicht umgesetzt werden konnte. Darüber hinaus legte der gekrümmte Verlauf der Stadtmauer fest, dass der nördliche Abschnitt des Bauplatzes etwas breiter war als der südliche. Damit ergab sich die Anlage des dreischiffigen Langhauses mit anliegendem Kreuzgang und Klostergebäude im Norden und des Chores und der zweischiffigen Georgskapelle im Süden. Das Areal der heutigen Augustinerkirche und Georgskapelle war im frühen 14. Jahrhundert also dicht verbaut.33 Die erste Bautätigkeit muss daher im Abbruch der vorhandenen Gebäude bestanden haben, wobei das zunächst erworbene Haus der Stadecker definitiv außerhalb der geplanten Kirche situiert war, vom Abbruch daher verschont werden konnte und möglicherweise zunächst als einstweiliges Konventsgebäude fungiert hat. Dass der Prior Hermann, wie Franz Rennhofer behauptete, schon am 25. August 1327 von der Übersiedelung des Konvents in das neue Kloster berichtet hätte,34 lässt sich in keiner Urkunde belegen – die zitierte Quelle weist lediglich darauf hin, dass der Konvent am 7. September 1327 beschlossen hat, die Stiftung Friedrichs des Schönen anzunehmen.35

1328 stiftete Friedrichs Gemahlin Elisabeth von Aragon in ihrem Testament den Augustinern drei Pfund, eine zu geringe Dotierung für den Bau einer Kirche.36 Frühestens 1329 ist der Baubeginn des Langhauses anzusetzen, als König Friedrich im Rechnungsbuch der Herzöge von Österreich die Ausgabe von 175 Pfund Pfennig aus den Einnahmen der Maut in Enns für die Wiener Augustiner festhielt.37 Damit gewährleistete er kurz vor seinem Tod 1330 nach der Stiftung eines Teils des Baugrundes auch die Finanzierung eines ersten Bauabschnitts. Die Fortführung der Arbeiten sicherte wohl der Bruder des verstorbenen Königs, Herzog Otto der Fröhliche, der 1338 auch die beiden Augustiner-Eremitenklöster von Baden und Korneuburg gestiftet38 und die der Wiener Kirche benachbarte, später so genannte Georgskapelle mitbegründet hat (siehe unten).

Unter diesen Vorzeichen dürfte der Baufortschritt in den dreißiger Jahren gut gewesen sein. Dies belegt etwa die älteste erhaltene Jahrtagsstiftung für die Augustinerkirche durch den Wiener Bürger Friedrich den Guemhertel vom 1. Januar 1333, dessen Gelder "zu dem chor und zu dem werich" herangezogen werden sollten,39 womit von Beginn an ein umfassendes und einheitliches Baukonzept mit Langhaus und Chor belegt ist. Die in der älteren Literatur angegebene Bauvollendung im Jahr 133940 ist aber ebenso haltlos wie die Behauptung, die Kirche wäre von dem Baumeister Dietrich Lackner (Ladtner) von Pirn errichtet worden. Beide "Thesen" entstammen einer apokryphen Meistertafel der Wiener Steinmetzinnung, die in einer Abschrift des 17. Jahrhunderts die Namen verschiedener, in Wien tätiger Steinmetzen angibt. Die Stelle, "1339. Ist das Augustiner Closter so wohl auch ao. 1360. das Carmelliter Closter erbauth wordn durch Maister Ditrich Lackhner Von Pion ein Stainmezmaister, welcher das ganze werkh als Stainhauer und Maurer geführt",41 ist aber wie der gesamte Textteil zu der Zeit vom 8. bis zum 15. Jahrhundert frei erfunden,42 erst die Angaben zum 16. Jahrhundert sind seriös. Dennoch findet sich noch in der jüngsten Literatur zur Wiener Augustinerkirche die Behauptung, Dietrich Ladtner von Pirn in Bayern hätte laut Überlieferung bis 1339 die Bauleitung inne gehabt.43

Im Kontrast zur bislang vorliegenden Literatur sei nun im Folgenden die Baugeschichte nach Maßgabe der Möglichkeiten detailliert dargestellt. Entsprechend der interdisziplinären Vorgangsweise werden die einzelnen Bauabschnitte nach unterschiedlichen Gesichtspunkten analysiert.

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Der erste Bauabschnitt der Klosterkirche – das Langhaus bis um 1370

1347 verkaufte die herzogliche Burgkapelle dem Augustinerkonvent die Grundrechte, die auf jenen Häusern lagen, welche zuvor auf dem Areal des Klosters gestanden hatten ("auf de häusern, da bi ir chloster hin gelegen habent auf der hochstrazze ze Wienne").44 Die Häuser waren demnach zu diesem Zeitpunkt nicht mehr existent; auch das Haus der Stadecker war in diesem Jahr bereits abgerissen und durch den Friedhof der Augustiner ersetzt worden. Dieser glich allerdings offenbar noch mehr einer Wiese, sodass König Ludwig I. von Ungarn, der 1347 in Wien Hof hielt, in Ermangelung eines entsprechenden Raumes in der Burg "zu den Augustinern ain grosse czymer" machte, "und da was der Freithoff mit laub aller bedakcht, Darunder tanczten dye Frawen".45

Das an Urkunden für die Augustinerkirche besonders reiche Jahr 1349 belegt zunächst Bautätigkeiten an der Kirche, wenn der Wiener Bürger Ulrich Spiegel "fümf phunt zv dem Werch hintz den Augustinern ze wienne" in seinem Testament stiftete.46 Im selben Jahr gestattete Kardinal Guido von St. Caecilia, dass die Kirche mit ihren Altären geweiht werden dürfe ("noua basilica dedicari ac altaria ibidem").47 Bald darauf weihte Erzbischof Ortolf von Apamea am 1. November 1349 die Kirche und fünf Altäre.48 Die offensichtliche Eile ist überraschend, zumal der Bau damals noch nicht vollendet war, wie die kunsthistorischen, bauarchäologischen und archivalischen Befunde übereinstimmend belegen.

Kunsthistorische und restauratorische Befunde: Über einem Grundriss mit queroblongen Mittelschiff- und längsrechteckigen Seitenschiffjochen erhebt sich eine dreischiffige, sechsjochige Halle mit einer Länge von 45,2 Meter, einer Breite von 19,2 Meter und einer Höhe von 19,5 Meter (Abb. 1b, 2). Das sechste Joch ist um etwa einen Meter länger als die übrigen Interkolumnien. Ob damit ein Querhaus angedeutet werden sollte, ist mit dieser optisch kaum nachvollziehbaren Erweiterung eher unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte dies mit der 1349 überlieferten Konzentration von vier Altären in diesem Joch in Zusammenhang gestanden haben (siehe unten), wodurch ein gesteigerter Platzbedarf gegeben war.

Die Gewölbe, deren Kreuzrippen, Gurt- und Scheidbögen gleichwertig mit Birnstabprofilen gestaltet sind, ruhen auf oktogonalen kantonierten Pfeilern mit schlanken Runddiensten. Den Übergang bildet eine profilierte Kapitellzone mit einem hohen Fries, der sparsam mit zartem Blattwerk an den durchlaufenden Runddiensten dekoriert ist. Die Pfeiler fußen auf hohen, stark profilierten oktogonalen Basen. Die Wanddienste sind im Gegensatz zu den Freipfeilern als Bündelpfeiler mit drei Rundstäben und den Freipfeilern entsprechenden Kapitellen ausgebildet. Nur die Dienste des dritten Joches des westlichen Seitenschiffes, jene am Triumphbogen und in den Raumecken an der Südwand laufen bis zum Boden (alle anderen werden von neuzeitlichen Rundsäulen im unteren Bereich gestützt). Die ehemals drei- oder vierbahnigen Fenster an der Ostwand, die ihrer Maßwerke und Pfosten beraubt sind, ruhen auf einem durchlaufenden Sohlbankgesims aus zwei Rundstäben. Ihre sehr einfachen Gewände bestehen aus schrägen Trichterungen, die in den Bögen in Kehlungen übergehen. Da die Kirche im 17. und 18. Jahrhundert stark überarbeitet wurde, müssen die einzelnen Gestaltungselemente auf ihre Aussagekraft näher überprüft werden.

2 Augustinerkirche, Langhaus gegen den Hochaltar. Bundesdenkmalamt, Wien, Inv.-Nr. N 148.112, Aufnahme 1999 (Foto © BDA)

Die Gewölbe des Langhauses sind in ihrer mittelalterlichen Form erhalten. Seit der restauratorischen Befundung durch Herbert Schwaha 1997/98 ist die mittelalterliche Farbfassung des Langhausgewölbes großteils erfasst (Abb. 3):49

3 Grundriss der Augustinerkirche mit Polychromiebefunden, einzelne Joche wurden nicht befundet und sind daher nicht eingefärbt (Planerstellung © Eva Kronberger, Wien 2010)

Die Gewölbesegel mit einem überglätteten Verputz und einer freskal gebundenen Weißtünche besaßen keine farbige Dekoration. Die Rippen hingegen waren über einer ausgleichenden, hell sandfarbigen Kalksandschlämme farbig akzentuiert. Vom Schlussstein ausgehend waren jeweils zwei Rippensteine mit Scheinmarmor in Rot, Blau, Ocker, Braun oder Grün ornamentiert. Die Malerei ist nur teilweise freskal aufgetragen – die Weißhöhungen aus reinem Kalk sind punktförmig gemalt oder so wie die Ränder der Malerei schraffurartig auslasiert. Daraus entstand eine Plastizität, die mit den stark hinterschnittenen Schlusssteinen korreliert. Die Farbverteilung war ausgewogen, nur die grünen Elemente begannen erst im fünften Joch, also vor dem ersten Hochaltar an der Triumphbogenwand (siehe unten). Die Schlusssteine waren ebenfalls mehrfarbig gefasst und großflächig vergoldet.

Aus dieser für das 14. Jahrhundert gängigen polychromen Fassung lässt sich keine zeitliche Einschränkung für die Entstehung des Gewölbes gewinnen. Der stilistische Befund der Schlusssteine des Langhauses hingegen ist für eine Präzisierung geeignet. Ikonographisch ergeben die Schlusssteine folgende jochweise Anordnung von Nord nach Süd:

Rechtes Seitenschiff: 1. Blütenrosette; 2. Blattwerk; 3. vier dreieckig gelegte Blätter; 4. Blattwerk mit Maske; 5. Blattwerk; 6. Lamm Gottes.

Mittelschiff: 1. Blattwerk mit Schneckenform; 2. vier dreieckig gelegte Blätter; 3. Markuslöwe mit Schriftband; 4. Matthäusengel mit Schriftband; 5. hl. Augustinus; 6. Christus mit Hostie und Buch.

Linkes Seitenschiff: 1. Blütenrosette; 2. Blattwerk mit Schneckenform; 3. Blattwerk mit Röhrenformen; 4. Lukasstier; 5. Blattwerk mit Maske; 6. Johannesadler.

Auffällig ist die unzusammenhängende Anordnung der Evangelistensymbole im dritten und vierten Joch des Mittelschiffs und im vierten und sechsten Joch des linken Seitenschiffs, wofür es bislang keine Erklärung gibt. Josef Zykans 1968 formulierte Feststellung, dass die Darstellungen der Evangelistensymbole ikonographisch von jenen des Chores von St. Stephan abhängig wären, trifft viel stärker auf die Schlusssteine der Georgskapelle zu (siehe unten).50 Sehr überzeugend ist hingegen Zykans Vergleich der beiden mit Blattmasken ausgestatteten Schlusssteine (Abb. 4a, 4b) mit den Blattmasken in den Archivolten der Fenstergewände und Schildbögen der Eligiuskapelle, die unter Herzog Rudolf IV. vor 1366 an den Westbau von St. Stephan in Wien angefügt wurde.

Weitere Beispiele von Blattmaskenkonsolen befinden sich in der Wiener Minoritenkirche an der Ostwand des Mittelschiffs51 und an den Schlusssteinen der steirischen Wallfahrtskirche Maria Strassengel52, beide aus der Zeit nach der Mitte des 14. Jahrhunderts. Zur selben Zeit tritt dieses Motiv auch an einer Konsole der 1367 geweihten Wenzelskapelle des Prager Veitsdoms auf (Abb. 5).53

4 Augustinerkirche, Schlusssteine mit Blattmasken. 4a Schlussstein im linken Seitenschiff, 5. Joch. 4b Schlussstein im rechten Seitenschiff, 4. Joch. Bundesdenkmalamt, Wien, Inv.-Nr. 19.022 und 19.017, Aufnahmen 1951 (Fotos © BDA)

5 Prag, Veitsdom, Wenzelskapelle, Konsole mit Blattmaske (aus: Josef Opitz, Die Plastik in Böhmen zur Zeit der Luxemburger, Prag 1936, Tafel 17)

Im Gegensatz zu den Blattmasken aus St. Stephan oder Strassengel wachsen hier wie an den Schlusssteinen der Wiener Augustinerkirche Blätter aus dem Mund der Maske, sodass eine deutliche, über allgemeine Ähnlichkeiten hinausgehende Analogie vorliegt. Daraus ist zu schließen, dass die Steinmetzen der Augustinerkirche dennoch aus dem Umfeld von St. Stephan stammten, da nur die starken Beziehungen zwischen den Bauhütten von St. Veit in Prag und St. Stephan in Wien eine derart zeitparallele Entwicklung möglich machten. Die dahinter stehende Ikonographie ist eingebettet in die pantheistische Verehrung der Natur in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die vielerorts zu unterschiedlichen Verschränkungen von figürlichen und vegetabilen Motiven geführt hat54 und das Kirchengebäude in den gängigen paradiesischen Kontext stellte.

Die übrigen Schlusssteine der Augustinerkirche verweisen auf die Rezeption weiterer, stilistisch unterschiedlicher Vorstufen: So belegt die Büste Christi (Abb. 6) mit ihrem zierlichen Körperbau die Kenntnis der Fürstenfiguren von St. Stephan und der Ausstattung des Singer- und Bischofstores, zwischen 1359 und 1365, während der Matthäusengel und der hl. Augustinus (Abb. 7a, 7b) in ihrer Plastizität und ihren prall modellierten Physiognomien den Werken des Wiener Michaelermeisters aus der Zeit um die Jahrhundertmitte folgen.

6 Augustinerkirche, Schlussstein mit Christus, Mittelschiff, 6. Joch. Bundesdenkmalamt, Wien, Inv.-Nr. 19.016, Aufnahme 1951 (Foto © BDA)

7 Augustinerkirche, Schlusssteine. 7a Schlussstein mit Matthäusengel, Mittelschiff, 4. Joch. 7b Schlussstein mit hl. Augustinus, Mittelschiff, 5. Joch. Bundesdenkmalamt, Wien, Inv.-Nr. 19.018 und 19.019, Aufnahmen 1951 (Fotos © BDA)

Die im Sinne italienischer Tondi gestalteten Skulpturen, die nicht über den glatten Schlussstein hinausragen, erinnern stark an die Gestaltungsprinzipien der Schlusssteine der Eligiuskapelle in St. Stephan. Mit all diesen Analogien ist eine Datierung der Schlusssteine des Langhauses der Augustinerkirche in das fortgeschrittene dritte Viertel des 14. Jahrhunderts evident. Bereits Josef Zykan erkannte daran, dass die Augustinerkirche unmöglich schon 1349 vollendet gewesen sein konnte.55

Die heutigen kantonierten Freipfeiler des Langhauses sind nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Die Runddienste wurden 1634 abgeschlagen, die Pfeiler auf ihre achteckige Grundform reduziert und mit Stuckkapitellen versehen.56 Auf der Innenansicht der Augustinerkirche von Johann Franz Greippel aus der Zeit um 1770 ist diese Situation deutlich ablesbar (Abb. 8).

8 Johann Franz Greippel, Ritterschlag von Erzherzog Maximilian in der Augustinerkirche am 9. Juli 1770. Kunsthistorisches Museum, Wien (Foto © Kunsthistorisches Museum, Wien)

Vor 1634 bestanden Runddienste, die aus einem Stück mit den Pfeilertrommeln geschlagen und infolge jüngerer Altaranbauten an den Pfeilern dermaßen beschädigt waren, dass man sich im Zuge der Entfernung der mittelalterlichen Altäre auch für das Abschlagen der Dienste entschieden hat.57 Der mittelalterliche Zustand ist auf einem Gemälde von Jakob Seisenegger überliefert – "Die Predigt des päpstlichen Legaten Cornelius Musso in der Augustinerkirche", 1561, im Kunsthistorischen Museum, Wien (Abb. 9) –, auf dem ersichtlich ist, dass bei der Regotisierung im späten 18. Jahrhundert die mittelalterliche Form wieder aufgegriffen wurde.

9 Jakob Seisenegger, Predigt des Legaten Cornelius Musso in der Augustinerkirche im Sommer 1560, 1561. Graf Harrach'sche Familiensammlung, Schloss Rohrau, Niederösterreich (aus: Thomas Winkelbauer, Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter [Herwig Wolfram, Hg., Österreichs Geschichte 1522-1699], Teil 2, Wien 2003, 153)

Der restauratorische Befund aus dem Jahr 1992 bestätigt diese Analyse: Die Rundstäbe der Steinpfeiler sind abgeschlagen. Über einer Kalkschlämme und einem Kalkmörtelfeinputz mit mehreren Färbelungsschichten wurden die Rundstäbe 1784 neu aufgeputzt,58 ebenso die Blattkapitelle der Frei- und Wandpfeiler. Die Basen der Freipfeiler, die eine vertikale Verdoppelung der Profile der Wandpfeiler der Georgskapelle zeigen (siehe unten), sind hingegen authentisch, wobei im späten 18. Jahrhundert die Runddienste falsch auf die obere Kehlung anstelle auf die darüber liegende Stufe gestellt wurden. Die Ausbildung von kantonierten Pfeilern in der Augustinerkirche ist nicht als retardierender Rückgriff auf die Architektur des 13. Jahrhunderts zu werten, sondern als konsequente Umsetzung der im Gewölbe forcierten Raumverschmelzung: Gleichwertige Kreuzrippen, Gurt- und Scheidbögen ruhen folgerichtig auf identen, den Pfeilern vorgelagerten Rundstäben.

Die mittelalterliche Durchfensterung des Langhauses bestand nicht nur aus den seit dem 17. Jahrhundert zerstörten Maßwerkfenstern an der Ostwand, sondern auch aus einer Reihe an der gegenüberliegenden Westwand. Im Zuge von Renovierungsarbeiten in der Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek wurde 2009 der vermauerte Scheitel des Spitzbogenfensters des sechsten Joches freigelegt.59 Innerhalb des Bruchsteinmauerwerks ist der Bogen aus mittelalterlichen Ziegeln hergestellt. In anderen Jochen zeichnen sich durch Rissbildung im Verputz vermauerte Rundfenster ab. Wie an der Wiener Minoritenkirche bestanden demnach über dem anschließenden Kreuzgang, der vielleicht auch ein Obergeschoß besaß (siehe unten), hoch sitzende Fenster in Form von Spitzbögen und Rosetten. Ihre Situierung an der Westwand gewährleistete auch abends die Lichtdurchflutung des Langhauses.

Über dem Nordeingang der Augustinerkirche befand sich zudem ein großes vierbahniges Mittelfenster, das heute hinter der Orgel sichtbar und bereits von Alois Kieslinger 1950 dokumentiert worden ist (Abb. 10a und 10b, Leithakalksandstein, wahrscheinlich aus Au am Leithagebirge).60 Die vier Bahnen mit 80, 78, 78 und 80 cm Breite werden von Dreipassnonnen nach oben abgeschlossen. Das Maßwerk war durch einen hölzernen, 1975 entfernten Oratoriumseinbau zerstört und wurde danach teilweise rekonstruiert.61 Je zwei Bahnen werden von einem Spitzbogen überfangen, dessen untere Ansätze vorhanden waren. In dessen Bogenfeld saß ehemals der unterste Ansatz je eines sphärischen Dreiecks und eingeschrieben je die zwei unteren Lappen eines Dreipasses. 1975 wurden auf dieser Grundlage zwei vierteilige Rosetten rekonstruiert.

10a Fragment des vermauerten Fensters von innen, Zustand vor der Rekonstruktion. Bundesdenkmalamt, Wien, Inv.-Nr. P 5011, Aufnahme 1949 (Foto © BDA)

10b Augustinerkirche, Hauptfassade, Rekonstruktion des mittelalterlichen Zustands (Plan © Eva Kronberger, Wien 2010)

Der oberste Abschnitt des Maßwerks konnte aufgrund fehlender Befunde nicht wiederhergestellt werden. Die lichte Höhe von der Sohlbank bis inklusive Nonnen beträgt 7,02 m, bis zum Bogenscheitel schätzte Kieslinger ca. 9,5 m. Die lichte Breite beträgt 3,61 m. Eine tiefe Kehlung rahmt das Fenster im Inneren und setzt sich auf Höhe der Sohlbank nach unten fort. Obwohl im Zuge des gotisierenden Emporeneinbaus im späten 18. Jahrhundert die Fortführung der Kehlung im Erdgeschoß nicht mehr sichtbar ist, muss dieses Profil einstmals das vierbahnige Fenster und das darunter liegende Hauptportal wie ein Überfangbogen verklammert haben.

1690 wurde der Kircheneingang vermauert und von hier an die seitlich vorbeiführende Augustinerstraße verlegt.62 Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg schuf dann 1784 das heutige Hauptportal an alter Stelle und durchbrach dabei mit einem niedrigen Ziegelbogen weite Teile des mittelalterlichen Portalgewändes. Westlich des heutigen Zugangs konnte Alois Kieslinger 1950 Teile davon freilegen (Abb. 11):