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0015 Hubertus Günther, Die Salomonische Säulenordnung

RIHA Journal 0015 | 12 January 2011

Die Salomonische Säulenordnung. Eine unkonventionelle Erfindung und ihre historischen Umstände

Hubertus Günther

Peer review and editing organized by:

Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Munich

Reviewers:

Paul von Naredi-Rainer, Klaus Jan Philipp

Abstract

As early as 1549, i.e. 50 years before Villalpando's famous Ezechiel commentary was published, Jacques Androuet Ducerceau introduced the Salomonic Order in his Exempla arcuum, a series of engravings in which the Salomonic Order is even presented as a part of a canon of orders. For the first time, the article draws attention to this hitherto neglected early example. The author analyses Ducerceau's canon within the broader context of renaissance theories of architecture, treatises on the columnar order, and conceptions of the origins of good or artful architecture, some of which can be traced back to medieval positions. Furthermore, it is argued that the dismissal of the italic orders in favor of the Salomonic order by Ducerceau and others is inextricably linked to the increasing nationalist tendencies of the renaissance.

Inhalt


Einleitung

  1. Der spanische Gelehrte und Architekt Juan Bautista Villalpando rekonstruierte in seinem Ezechiel-Kommentar (1596-1604) Salomos Tempel und kreierte dafür eine besondere Säulenordnung (Abb. 1).1 Bisher nahm man an, die Idee sei damals neu für die Architekturtheorie gewesen.2 Aber schon ein halbes Jahrhundert früher war eine "Salomonische Ordnung" eingeführt worden, und da gehört sie sogar zu einer Präsentation des Kanons der Säulenordnungen. Sie erscheint in der Stichserie Exempla arcuum, die der französische Architekt Jacques Androuet Ducerceau 1549 in Orleans publizierte.3 Die Exempla arcuum fanden bisher wenig Beachtung; in der Geschichte der Architekturtheorie wurde ihr Inhalt meines Wissens überhaupt nicht berücksichtigt.4

1 Juan Bautista Villalpando, Salomonische Säulenordnung, In Ezechielem explanationes …, Rom 1596-1604

  1. Dargestellt sind Ehrenbögen, neun antike einschließlich eines Stadttores5 und sechzehn selbst erfundene in der Art der ephemeren Triumphtore, die im 16. Jahrhundert bei feierlichen Einzügen von Fürsten aufgerichtet wurden. Vielleicht stand die Stichserie in einem gewissen Zusammenhang mit dem Einzug König Heinrichs II. in Lyon im Jahr 1548 oder beeinflusste den Dekor bei dessen Empfang in Orleans.6

  2. Das Titelblatt der Stichserie enthält ein knappes Vorwort. Der erste Satz umreißt den Inhalt. Der ganze übrige Text bezieht sich auf die Säulenordnungen.7 Bei den antiken Beispielen, schreibt Ducerceau, habe er sich an die real angewandten Säulenordnungen gehalten, bei den selbst kreierten Bögen habe er angegeben, zu welchen Genera sie gehören. So würden diejenigen, die sich mit der Baukunst auseinandersetzen, alle Genera von Bögen finden. Die antiken Bögen tragen ihre Inschriften und Namen (Abb. 2). Die selbst erfundenen Bögen sind jeweils bezeichnet als "l'ordre dorique", "l'ordre ionique", "l'ordre corinthe" und "l'ordre Salomonique" (Abb. 3–7).

2 Jacques Androuet Ducerceau, Der Vitruv zugeschriebene Arco dei Gavi in Verona, Exempla arcuum, Orleans 1549

3 Jacques Androuet Ducerceau, Arc selon l'ordre dorique, Exempla arcuum, Orleans 1549

4 Jacques Androuet Ducerceau, Arc selon l'ordre ionique, Exempla arcuum, Orleans 1549

5 Jacques Androuet Ducerceau, Arc selon l'ordre corinthe, Exempla arcuum, Orleans 1549

6 Jacques Androuet Ducerceau, Arc selon l'ordre Salomonique, Exempla arcuum, Orleans 1549

7 Jacques Androuet Ducerceau, Arc selon l'ordre Salomonique, Exempla arcuum, Orleans 1549

8 Jacques Androuet Ducerceau, Arc selon l'ordre corinthe, mit Atlanten und Karyatiden, Exempla arcuum, Orleans 1549

  1. Die Tafeln sind nicht nummeriert; in manchen Exemplaren richtet sich die Reihenfolge der Stiche nach den Ordnungen. Die Korinthia dominiert: 18 von 25 Stichen sind ihr gewidmet. Tuskische Ordnung und Komposita fehlen bzw. sind nicht als eigene Ordnungen bezeichnet. Der Titusbogen und der Trajansbogen in Benevent sind fälschlich korinthisch statt komposit (im Sinn Serlios) dargestellt. Einige von den selbst erfundenen Bögen sind komposit, bei einem von ihnen stehen anstelle der Säulen Figuren mit Körben auf dem Kopf, die nur von fern Kapitellen gleichen, aber sie alle sind als "korinthisch" bezeichnet (Abb. 8).

  2. Zur Salomonischen Ordnung gehören unterschiedliche komposite Kapitelle, ihre Basen sind attisch oder korinthisch, ihre Gebälke ionisch-korinthisch (Klassifizierung nach Serlio). Sie zeichnet sich nur durch einen besonderen Säulenstamm aus. Sonst bildeten in der Renaissance die Kapitelle das entscheidende Merkmal, nach dem die Genera voneinander unterschieden wurden. Wo sich die Reihenfolge der Exempla arcuum nach den Säulenordnungen richtet, erscheinen die Beispiele für die Salomonische Ordnung zwischen denjenigen für die Korinthia, sodass eine gewisse Verbindung gewahrt ist. Der Säulenstamm der Salomonischen Ordnung ist spiralartig gewunden. Bei einer Variante ranken sich Fruchtzweige um den Säulenstamm. Die andere Variante gleicht den berühmten Säulen im Petersdom, die ursprünglich in der konstantinischen Chorschranke, dann auch an anderen Orten der Basilika standen bzw. stehen und die Bernini an seinem Tabernakel über dem Grab Petri in kolossalen Dimensionen nachahmte (Abb. 9, Abb. 10): Die Säulen im Petersdom haben komposite Kapitelle; ihr Stamm ist jeweils in vier Abschnitte geteilt, die im Wechsel mit gewundenen Kanneluren und mit Fruchtzweigen gefüllt sind. Das hat Ducerceau übernommen und nur die Folge der Abschnitte verändert: Bei ihm beginnt die Dekoration unten mit Fruchtzweigen statt mit Kanneluren. Diese Variante gleicht den Darstellungen Jean Fouquets, der die Säulen im Petersdom selbst gesehen hatte (Abb. 11).8 Ducerceau war wohl nie in Rom. Er konnte von Fouquet sogar die Idee übernehmen, solche Säulen als Dekor eines Triumphbogens mit klassischer Disposition einzusetzen (so als Front von Salomos Tempel im Stundenbuch des Étienne Chevalier).

  3. Wenig später wiederholte Ducerceau die Besonderheiten der Säulenordnungen der Exempla arcuum in einer Serie von Zeichnungen diverser Bauelemente, die Türen, Fenster, Gauben, Kamine etc., zudem Torfronten einschließt.9 Auch hier sind die Genera bezeichnet: als "Ordre Dorique", "Ordre Jonique", "Ordre Corinte" und mit der Formulierung "Coulonnes Salomoniques". Diese "Salomonischen Säulen" sind ähnlich wie in den Exempla arcuum gestaltet. Wieder fehlen die beiden italischen Genera; wieder werden der Korinthia freie Varianten des kanonischen Kapitells zugerechnet und die Basen in der Art Serlios variiert.

9 Petersdom, Gewundene Säulen von der konstantinischen Chorschranke in einem Vierungspfeiler

10 Berninis Tabernakel über dem Grab Petri, Stich von Alessandro Specci, in: Filippo Bonanni, Numismata summorum pontificum templi Vaticani fabricam indicantia, Rom 1715