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0059 Margaret Daly Davis, Vincenzo Scamozzi als Leser der antiken Schriftquellen und Denkmäler: Der "Indice copiosissimo" zu Sebastiano Serlio

RIHA Journal 0059 | 13 November 2012 | Special Issue Scamozzi

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Sonderausgabe "Vincenzo Scamozzi: Lektüren eines gelehrten Architekten". Die Sonderausgabe geht zurück auf das gleichnamige Kolloquium, das im Juni 2011 am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München abgehalten wurde.

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Vincenzo Scamozzi als Leser der antiken Schriftquellen und Denkmäler: Der "Indice copiosissimo" zu Sebastiano Serlio

Margaret Daly Davis

Abstract

Already in his early youth Sebastiano Serlio's writings were well-known to Vincenzo Scamozzi. In particular Serlio's third book, dedicated to ancient Roman architecture, and his first two books on geometry and perspective, formed the background to Scamozzi's formation as an architect and theorist. His father Giovan Domenico Scamozzi, a surveyer and architect in Vicenza, played a crucial role in Scamozzi's education. Giovan Domenico compiled the comprehensive index included in Francesco de' Franceschi's new edition of Serlio's Architectura (1584), the "Indice copiosissimo delle cose più degne che si trovano per tutti i sette Libri d'Architettura". Vincenzo edited the index: some entries, those marked by a cross (†) were to be considered of great importance. Other entries, those marked by a comma (,), refer to comments and additions made by Vincenzo. These texts not only testify to Vincenzo's critical involvement with Serlio's works, but also demonstrate his method of reading and interpreting the sources, material and textual. The article investigates the relationship between the comments in the Indice and Vincenzo's own writings: those on the reconstruction of the baths of Diocletian, the Discorso sopra l'antichità di Roma, the Sommarii od estratti da antichi scrittori delle cose che appartengono alle antichità di Roma, as well as his notes in the margins of the treatises of Lucio Fauno and Daniele Barbaro. This provides a significant insight into the methods of research which led to Scamozzi's opus magnum, the L'idea della architettura universale of 1615.

Inhalt


Einleitung

  1. Sebastiano Serlios Schriften waren Vincenzo Scamozzi von jüngsten Jahren an vertraut. (Abb. 1) Das dritte Buch Serlios, in dem antike römische Architektur dargestellt und beschrieben wird, und seine ersten beiden Bücher, über Geometrie und Perspektive, haben den Grund zu Scamozzis Ausbildung als Architekt und Theoretiker gelegt.1 (Abb. 2) Das dritte Buch bot Scamozzi präzis vermessene und erläuterte Darstellungen vieler der wichtigsten antiken Monumente; die ersten beiden Bücher brachten ihm das mathematische bzw. perspektivische Verfahren bei, die Überreste selbst genau aufzunehmen und ihr ursprüngliches Aussehen auf Papier zu rekonstruieren. Die beiden Disziplinen Architektur und Perspektive seien, so Girolamo Porro, Scamozzis "principali professioni",2 und genau dies wird auch in seinem Porträt verdeutlicht.

1 Paolo Veronese (zugeschrieben), Vincenzo Scamozzi, 1580er Jahre. Denver, Denver Art Museum. Nach: Vincenzo Scamozzi 1548-1616, Venedig 2003, S. 526, Abb. A.I

2 Sebastiano Serlio, Il terzo libro, Venedig 1540, Frontispiz. Nach: Sebastiano Serlio, L'architettura. I libri I-VII e Extraordinario nelle prime edizioni, Nachdruck, hg. Francesco Paolo Fiore, 2 Bde., Mailand2001, Bd. 1, unpag. [I]

  1. Scamozzi genoss zugleich eine hervorragende humanistische Ausbildung und hat sich von jüngsten Jahren an intensiv antiken griechischen und römischen Schriften gewidmet. In seiner Heimatstadt Vicenza dürfte er an der "pubblica scuola" die "bone lettere" studiert haben, und später konnte er diese Interessen im gelehrten Ambiente der Accademia Olimpica fortsetzen.3 Nicht nur die Werke von Vitruv und Frontin hat er als junger Mann eingehend studiert, sondern auch zahlreiche Werke der antiken Historiker, die, wie er es viel später ausdrücken wird, über jene Dinge geschrieben haben, die dazu dienten, das römische Altertum bekannt zu machen: "cose, che servano all'antichità di Roma". Vielleicht dachte er an seine Ausbildungsjahre, als er die zwei Bilder für die Antiporta des 1615 erschienenen Werkes L'idea della architettura universale entwarf. Die beiden Darstellungen, die junge Schüler zusammen mit ihrem Lehrer am Schreibtisch zeigen, wurden neulich als Allegorien der Studien von Mathematik und Disegno und der "buone lettere" gedeutet.4 (Abb. 3, 4 a/b)