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0058 Hubertus Günther, Scamozzi kommentiert Serlio

RIHA Journal 0058 | 13 November 2012 | Special Issue Scamozzi

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Sonderausgabe "Vincenzo Scamozzi: Lektüren eines gelehrten Architekten". Die Sonderausgabe geht zurück auf das gleichnamige Kolloquium, das im Juni 2011 am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München abgehalten wurde.


Scamozzi kommentiert Serlio

Hubertus Günther

Abstract

This article presents briefly the Serlio-copy of 1551 with the glosses of Scamozzi which the Ernst von Siemens Foundation has acquired for the library of the Zentralinstitut für Kunstgeschichte. A detailed commentary on it is in preparation. We present the realia of the volume and the glosses in the context of the other known glosses of Scamozzi and the editions of Serlio's books by Scamozzi, and indicate what the remarks contribute to our knowledge of Scamozzi's work. Then, with the Theatre of Marcellus as the main example, we focus on explaining the content of the glosses in relation to the studies of antiquity and architectural theory of Serlio and Scamozzi. In that way, new aspects of Scamozzi's studies and Venetian architectural theory as a whole, resulting from the glosses, come to the fore.

Inhalt


Einleitung

  1. In unserem Beitrag wird das Serlio-Exemplar mit den Randbemerkungen Vincenzo Scamozzis vorgestellt, das die Ernst von Siemens Kunststiftung für die Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte erworben hat.1 Dabei soll auch betrachtet werden, in welchen historischen Rahmen das Buch gehört und welche Gedanken hinter den Glossen stehen. Es handelt sich um die Ausgabe, die 1551 im Verlag Cornelio Nicolini in Venedig erschien. Sie trägt auf der Titelseite Scamozzis Exlibris (Abb. 1). Obwohl Scamozzi testamentarisch festgelegt hatte, dass seine Bibliothek zusammenbleiben sollte, wurde sie nach seinem Tod (1616) verstreut. Der französische Maler und Kunsttheoretiker Charles-Alphonse Du Fresnoy erwarb den Band, wie sein (später stark dezimiertes) Exlibris zeigt, und zwar vermutlich an dem Datum, das er unter seinem Exlibris notiert hat, am 7. Mai 1654. Damals hielt er sich in Venedig auf. Er wird das Buch, als er nach Paris zurückkehrte, mitgenommen haben. Wohl noch im 17. Jahrhundert wurde es beschnitten und neu gebunden; die Glossen Scamozzis und auch einige, die Du Fresnoy angefügt hat, wurden bei diesem Vorgang sorgsam ausgespart. Eine französische Notiz auf dem Deckblatt zeugt davon, dass das Buch spätestens im 19. Jahrhundert in Frankreich war. Die Pariser Librairie Bonnefoi bot es auf der Buchmesse im Grand Palais im April 2010 an, und von ihr hat es die Ernst von Siemens Kunststiftung erworben. Scamozzi hat Serlios Texte und Illustrationen teilweise kurz kommentiert, gelegentlich auch korrigiert oder ergänzt. Die Zuschreibung der Randbemerkungen ergibt sich durch den Charakter der Schriftzüge und durch eine Signatur. Inhaltliche Übereinstimmungen mit Scamozzis eigenen Werken bestätigen ihre Authentizität.

1 Sebastiano Serlio, Sammelausgabe von 1551 mit Scamozzis Glossen, Titel mit Exlibris Scamozzis. Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, 4° CA 255/505 Rarissima

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Scamozzi als Leser

  1. Zunächst sei kurz Scamozzis besonderes Verhältnis zu Büchern generell angesprochen. Scamozzi erhielt eine gediegene literarische Ausbildung, wie sie damals mehr für angehende Akademiker als für Architekten typisch war. Er studierte in seiner Jugend die römischen Ruinen und begann schon früh, auf ein Architekturtraktat hinzuarbeiten. Dafür verschlang er neben den einschlägigen Büchern eine Fülle antiker Literatur aus vielfältigen Bereichen, so viel wie vordem nur einige wenige Architekturtheoretiker der Renaissance, die humanistisch geschult waren, wie besonders Leon Battista Alberti. Scamozzi hat ein umfangreiches Manuskript hinterlassen, in dem sorgfältig zusammengestellt ist, was er aus den Schriften exzerpiert hat. Seine weitläufige Gelehrsamkeit kommt schon 1582 in den Discorsi sopra l'antichità di Roma zum Ausdruck; sie prägt das voluminöse und dennoch unvollendete Architekturtraktat, das er gegen Ende seines Lebens unter dem Titel "L'idea della architettura universale" publiziert hat. Scamozzi empfiehlt dort allen Architekten, sich ebenso umfassend wie er literarisch zu bilden und dabei, wie er selbst, eine Sammlung von Exzerpten anzulegen, die für den späteren Gebrauch gut geordnet sein soll.

  2. Scamozzi hat so viele Bücher zusammengetragen, wie es bei Künstlern oder Architekten sonst ganz selten dokumentiert ist. Etliche Bücher, die er besaß, sind bekannt. Sie geben sich, wie unser Serlio-Exemplar, durch Exlibris von Scamozzis eigener Hand zu erkennen (Abb. 2). Von früheren Künstlern hat sich so etwas, wenn überhaupt, nur sporadisch erhalten. Zu Scamozzis Bibliothek gehörten viele antike historische, geografische, mathematische oder lexikalische Werke, zudem die architekturtheoretischen Schriften der Renaissance, darunter einige Manuskripte, auch einschlägige Werke aus Mitteleuropa, soweit sie in Französisch abgefasst waren oder eine lateinische Version vorlag.

2 Daniele Barbaro, kommentierte Vitruv-Ausgabe von 1567, Titel mit Scamozzis Exlibris. Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, Microfiches Cicognara, 713/1-7

  1. Überdies sind mehrere Bücher erhalten, in die Scamozzi, wie in unser Serlio-Exemplar, hineingeschrieben hat. Ähnlich ausführlich hat er zwei Werke kommentiert: ein Exemplar von Daniele Barbaros kommentierter Vitruv-Ausgabe (1567), das mit Leopoldo Cicognaras Bibliothek in den Vatikan gelangt ist (Abb. 2), und die Giunta-Edition von Vasaris Viten (1568), die 1997 mit Giannalisa Feltrinellis Bibliothek versteigert wurde. In Lucio Faunos Romführer (1553) hat er einige wenige Anmerkungen geschrieben; in Guillaume Philandriers Vitruv-Kommentar (1544) hat er diverse Stellen unterstrichen. Zudem berichtet Tommaso Temanza (1773) von zwei Architekturtraktaten, die Scamozzi mit Glossen versehen hat: nämlich die lateinische Version des Säulenbuchs von Hans Blum (1550) und Giovanni Battista Bertanos Traktat über Vitruvs Beschreibung der ionischen Säulenordnung (1558). Temanza nahm die Anmerkungen so wichtig, dass er sie exzerpiert hat.

  2. Die Glossen passen ebenso wie die große Bibliothek und die ausgiebigen literarischen Studien mehr zu Humanisten als zu Architekten der Renaissance. Bei Architekten waren sie eine Ausnahme, bei Literaten waren sie üblich. Auch Angelo Poliziano oder Guillaume Budé haben Glossen in Vitruv-Exemplare geschrieben. Ein schönes Beispiel für eine Humanisten-Bibliothek ungefähr aus der Zeit Scamozzis mit vielen Glossen befindet sich geschlossen in München, in der Bayerischen Staatsbibliothek; es sind die Bücher des Florentiner Gelehrten Pietro Vettori (1499-1585).

3 Sebastiano Serlio, Tutte l'Opere d'Architettura, Scamozzis Ausgabe von 1584, Titel. Privatsammlung

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Scamozzis Glossen zu Serlio

  1. Die Glossen zu Serlio nehmen insofern eine besondere Stellung ein, als Scamozzi die erste vollständige Sammelausgabe von Serlios Traktat herausgegeben hat (Abb. 3). Sie erlebte drei Auflagen: 1584, dann jeweils mit minimalen Veränderungen 1600 und 1619 (nach Scamozzis Tod), alle im Verlag de' Franceschi in Venedig. Da zwei von ihnen im Reprint erschienen sind, bestimmen sie heute weithin die Kenntnis von Serlios Schriften. Serlios Bücher erschienen zunächst einzeln, beginnend in Venedig mit den beiden wichtigsten: 1537 mit dem sog. vierten Buch und 1540 mit dem dritten Buch; als Serlio nach Frankreich übergesiedelt war (1541), folgten in Paris 1545 das erste und zweite Buch und 1547 das fünfte Buch, 1551 in Lyon das "Libro extraordinario". Die Edition von 1551, in der Scamozzis Glossen stehen, bildet die erste Sammelausgabe von Serlios Werk. Sie umfasst die ersten fünf Bücher. Den folgenden Sammelausgaben war zudem das "Libro extraordinario" beigebunden. Sie erschienen ebenfalls in Venedig, im gleichen Verlag wie später Scamozzis Editionen: 1566 eine Edition im Quartformat statt in Folio wie alle bisherigen Editionen, 1568 und 1569 lateinische Übersetzungen wieder in Folio. Scamozzis Edition umfasst überdies das siebente Buch, das Jacopo Strada 1575 in Frankfurt herausgegeben hat. Sie ist wie die frühere Sammelausgabe im Verlag de' Franceschi auf Quartformat reduziert. Auch als Herausgeber von Serlios Traktat verhielt sich Scamozzi wie ein Literat. Architekten, die Werke ihrer Kollegen herausgegeben hätten, gab es damals kaum, außer sie waren ausnahmsweise in erster Linie Literaten. Gelehrte waren es, die Vitruv oder Albertis Architekturtraktat herausgaben.

  2. Was Scamozzi dazu bewog, Serlios Bücher herauszugeben, oder was er an ihnen besonders schätzte, hat er nicht festgehalten. Aber es ist offensichtlich, dass Serlio seine Bauten und seine Architekturtheorie beeinflusst hat. Zudem geht aus der Edition selbst hervor, dass schon Scamozzis Vater Giovan Domenico Vorbereitungen für sie getroffen hat. Er war ebenfalls Architekt oder, um diese seinerzeit mit hohen Ansprüchen belastete Bezeichnung zu vermeiden, Bauführer. Er ist nicht durch besondere künstlerische Qualifikation hervorgetreten, aber anscheinend interessierte er sich für Architekturtheorie und vermittelte seinem Sohn dies Interesse zusammen mit der gehobenen Schulung. Aus den Glossen geht hervor, was bisher nicht bekannt war, dass Giovan Domenico in seiner Jugend persönlichen Kontakt zu Serlio hatte; vielleicht war es Serlio, der sein Interesse an Architekturtheorie überhaupt erst weckte. Giovan Domenico war nämlich nur 15 Jahre alt, als Serlio Italien verließ.

  3. Scamozzis Serlio-Exemplar war wohl noch ein Erbstück von Giovan Domenico. Das vermute ich, weil Vincenzo erst drei Jahre alt war, als es erschien, und weil Serlios Bücher in dem Zeitraum zwischen dieser Edition und derjenigen Scamozzis mehrfach erneut herausgegeben wurden. Scamozzi redigierte leicht den Text seiner neuen Serlio-Ausgabe; ausgehend von den Gedanken seines Vaters erstellte er einen Index, keinen von der gewöhnlichen Art, sondern einen, der auch kommentiert, was Serlio sagt, und daher teilweise den Glossen gleicht. In der Auflage von 1600 fügte Scamozzi einen Diskurs seines Vaters über Architektur an, den er vermutlich nachträglich überarbeitet hat.

  4. Scamozzis Glossen konzentrieren sich auf die beiden Bücher Serlios, die wegweisend waren für die gesamte Renaissance: das vierte Buch, das die Säulenordnungen behandelt, und das dritte Buch, das den antiken Bauten gewidmet ist.

  5. Was Scamozzi über die Antikenaufnahmen Serlios dachte, zeigt eine Randbemerkung zu Serlios Angabe, er habe die Maße für das Theater in Pola von einem Fremden übernommen. Daraus zieht Scamozzi den Schluss: "Woraus man klar erkennt, dass Serlio weder diesen noch andere Bauten vermessen hat, sondern seine Zeichnungen von besonderen Personen hatte, wie mir mein seliger Vater versicherte, der ihn in seiner Jugend kannte." (Drittes Buch 1551, S. 52; Abb. 4)

4 Sebastiano Serlio, Sammelausgabe von 1551 mit Scamozzis Glossen, drittes Buch, Theater von Pola, Aufriss, 3-52-53. Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, 4° CA 255/505 Rarissima

  1. Der erste Teil der Glosse ist an sich nicht logisch. Er wirkt so, als habe ihn Scamozzi nur eingeführt, um auf das Zeugnis seines Vaters hinzuweisen, ähnlich wie er in einer anderen Bemerkung (drittes Buch, S. 96) ohne sachlichen Grund, einfach um auf die bessere Darstellung in einem eigenen Stich hinzuweisen, behauptet, Serlio habe die Diokletiansthermen nicht gesehen und achtlos eine fremde Vorlage kopiert (Abb. 27-28). Um so wichtiger ist Scamozzis Berufung auf die Versicherung seines Vaters, Serlio habe viele Illustrationen im dritten Buch nicht nach eigenen Zeichnungen, sondern nach Zeichnungen anderer Personen angefertigt. Das gleiche berichtet auch schon 1544 Guillaume Philandrier; es wird bestätigt im dritten Buch durch einige Verweise Serlios und durch den häufigen Wechsel von Maßeinheiten und Arten der Darstellung.

  2. Eine der Gruppen von Bauaufnahmen, die Serlio von fremder Hand übernommen hat, umfasst die Antiken in Pola und Verona (Abb. 4, 7, 8, 9, 26). Mit den fremden Vorlagen für die Darstellungen der Bauten in Pola, auf die sich Serlio ausdrücklich beruft, hängen die Darstellungen der Bauten in Verona wohl zusammen, weil sie in der gleichen Maßeinheit kotiert sind. Vielleicht hat Falconetto sie gezeichnet. Vasari bezieht sich nämlich offenbar auf Serlio, wenn er über Falconetto schreibt, er habe als erster die Theater und Amphitheater in Verona und Pola aufgenommen, und die Pläne von diesen Bauten, die man sehe, stammten von ihm und seien von anderen nach seinen Zeichnungen im Druck publiziert worden. Torello Sarayna warnt im Vorwort seines Traktats über die Antiken in Verona vor dem soeben, im gleichen Jahr, erschienenen dritten Buch: Dort sei Vieles in Bild und Wort falsch dargestellt, weil Serlio die Bauten in Verona nicht gesehen und nur unachtsam von fremden Vorlagen kopiert habe. Aber diese Behauptung widerspricht Serlios Angaben zur Arena in Verona, die von eigenen Untersuchungen zeugen. Sarayna geht es anscheinend darum, den Konkurrenten schlecht zu machen und Serlios abschätzige Meinung über die Bauten Veronas abzuwehren.

  3. Die Behauptung, dass Serlio die antiken Bauten, die er im dritten Buch vorstellt, nicht selbst vermessen habe, gehört in den gleichen Zusammenhang wie eine Glosse Scamozzis zu Vasaris Bericht, dass Baldassare Peruzzi ein Buch über die römischen Antiken und über Architekturtheorie begonnen habe. Scamozzi: "Dieses Buch ist vielleicht dasjenige, das jetzt unter dem Namen von Serlio publiziert wird." Serlio selbst weist in überspitzter Bescheidenheit das eigentliche Verdienst am vierten Buch Peruzzi zu. Daraufhin wurde ihm fälschlich nachgesagt, er habe mit seinem Traktat insgesamt Peruzzis Studien publiziert. Aber die Serlio-Glosse und ähnlich ein Nachtrag zum Index in der Serlio-Edition von 1619 halten mit Recht fest, dass sich Serlio auf Bauaufnahmen unterschiedlicher Provenienz stützte. Dieser Hinweis muss nicht abwertend gemeint gewesen sein. Antikenaufnahmen wurden damals generell oft kopiert oder ausgewertet für neue Pläne, letztlich ähnlich wie sich wissenschaftliche Studien auf ihre Vorgänger stützen. Viele solche Kopien sind bekannt, aber Scamozzi ist, soweit ich sehe, der einzige, der damals diese Praxis ausdrücklich angesprochen hat, und zwar als sinnvolles Vorgehen.

  4. Scamozzi hat sich nie, selbst nicht in seiner Serlio-Ausgabe, dazu durchgerungen, Serlios Verdienst zu würdigen. Wenn man seine Glossen immer wörtlich nehmen wollte, hätte er nicht einmal viel von Serlios intellektueller Kapazität gehalten. Zu Serlios Beschreibung der Säulenordnungen des Kolosseum etwa notiert er: "Serlio redet hier an der Sache vorbei. Er vermischt die generellen Dinge mit den Einzelheiten, wie er es immer tut." (Abb. 5) Scamozzis eigene Meinung über die Materie weicht aber nicht wesentlich von Serlios ab. In den Glossen und im Index zu Serlio beschwert sich Scamozzi mehrfach ähnlich respektlos über Werke Bramantes, obwohl Bramante als "Wegbereiter und Leuchte der modernen Architektur" galt. In den Glossen zu Vasari stellt er fest, an Albertis Fassade von S. Maria Novella sei "nichts Gutes" und Michelangelo verdanke seinen Ruhm ausschließlich seinen Bildwerken, seine Architektur verdiene nur Kritik. Selbst für sein großes Vorbild Palladio hat er wenig Lob über die Lippen gebracht. Scamozzis pauschale Aburteilung von Serlios Logik lässt sich mit zeitgenössischen Kommentaren zu Vitruv vergleichen. Es war seinerzeit durchaus verbreitet, schlecht über Vitruv zu reden, obwohl kaum jemand ernsthaft seine grundlegende Bedeutung für die Architekturtheorie bestritt. Wir werden noch sehen, dass Scamozzi in seinen Serlio-Glossen mit Vitruv ähnlich pauschal wie mit Serlio abrechnet. Jedenfalls verliert Serlio durch die Kritik wenig von seiner Bedeutung für Scamozzi. Vielmehr hält Scamozzi in den Glossen zu Barbaros Vitruv-Edition aufmerksam fest, was selbst dieses gelehrte Werk aus Serlios Büchern übernommen hat.