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0080 Stefanie Linsboth, Der hochgotische Chor von Maria am Gestade in Wien – Bauintention und Nutzung

RIHA Journal 0080 | 5 February 2014

Der hochgotische Chor von Maria am Gestade in Wien – Bauintention und Nutzung

Stefanie Linsboth

Editing and peer review managed by:

Anna Mader-Kratky, Abteilung Kunstgeschichte, Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien / Department of History of Art, Institute of History of Art and Musicology, Austrian Academy of Sciences, Vienna

Reviewers:

Marc C. Schurr, Markus Thome

Abstract

In the middle of the 14th century, the chapel Maria am Gestade at the edge of the medieval city of Vienna was extended by a three-bay chancel with a double narthex and portal. Construction of the tower on a heptogonal groundplan was started at the same time. Besides stylistic and organizational connections with St. Stephan's Cathedral, the innovation of the choir can be seen in the reduction of the mural volume in favor of an enormous increase of the window size. The present paper combines the analysis of written sources with stylistic comparisons including the examination of the stonemarks. A final conclusion is made on the founder's intentions as well as on medieval use of the chancel.

Inhalt


Einleitung

Am 25. Mai 1302 genehmigte Herzog Rudolf III. von Österreich den Tausch der Patronatsrechte der Kapelle Maria am Gestade in Wien gegen die Kapelle St. Ulrich in Zaismannsprunn (heute im 7. Wiener Gemeindebezirk). Hatte Maria am Gestade bis zu diesem Zeitpunkt dem Schottenkloster unterstanden, gingen die Patronatsrechte nun an "Ritter Griffo, Bürger von Wien",1 der spätestens seit 1288 einen Hof in direkter Nähe zu Maria am Gestade bewohnte (Abb. 1).2

1 Maria am Gestade, Wien, Ansicht von Westen (aus: Günter Brucher, Hg., Geschichte der Bildenden Kunst in Österreich, Bd. 2: Gotik, Wien 2000, 287)

Durch den Tausch erwarb er die Patronatsrechte über eine Kapelle, die wahrscheinlich seit dem 12. Jahrhundert bestand.3 Die Kapelle, die sich etwa an der Stelle des heutigen Langhauses befand,4 lag am nördlichen Rande der mittelalterlichen Stadtmauer in dicht verbautem Gebiet: Nördlich stand unter einem Steilhang der Hof Griffos, im Osten lagen mehrere Grundstücke und Gebäude, im Süden eine Gasse, an die ebenfalls Gebäude anschlossen und im Westen ein Stadttor, hinter dem eine Stiege hinunter zum Ottakringerbach führte. Dieser erhöhten Lage verdankt die Kirche ihren Namen, denn im 13. und 14. Jahrhundert wurde sie als "Unsere (liebe) Frau auf der Gstetten" bzw. "Beata virgo ad litorum / in litus" bezeichnet, später auch als Maria Stiegen. Seit 1962 trägt sie in Erinnerung an ihren mittelalterlichen Namen die Bezeichnung Maria am Gestade (Abb. 2).5

2 Maria am Gestade, Wien, Grundriss (aus: Bundesdenkmalamt, Hg., Dehio Wien, Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Wien. I. Bezirk – Innere Stadt, Wien 2003, 95)

1357 – nur 55 Jahre nach dem Tauschhandel – verkaufte Jans Greif, der Urenkel Ritter Griffos, die Patronatsrechte über Maria am Gestade und den Hof an das Bistum Passau.6 Während dieser 55 Jahre war der kleine Kapellenbau im Osten um einen dreijochigen, kreuzrippengewölbten Chor mit 5/8-Schluss und einer Doppelportalvorhalle erweitert worden. Auch der Bau des im Grundriss siebeneckigen Turms an der südwestlichen Ecke des Chores war begonnen worden. Im Gegensatz zum später errichteten Langhaus (1394-1414) wurde der Chor von Maria am Gestade bislang kaum untersucht.7 Die Forschung konzentrierte sich aufgrund des hier erstmals in Österreich auftretenden Netzrippengewölbes8 und aufgrund der westlichen Schaufassade, die in ihrer Gestaltung eine außerordentliche Stellung in der süddeutschen Baukunst einnimmt,9 auf das Langhaus. Auch der Turm mit seinem kuppeligen Helm, der einem Entwurf Meister Michaels zugeschrieben wird, stand mehrfach im Fokus und wurde zuletzt von Elisabeth Hassmann ausführlich untersucht.10 Der Chor wirkt im Gegensatz zu diesen Bauteilen einfach, schlicht, ja geradezu anspruchslos. Allerdings wurde er etwa ein halbes Jahrhundert vor dem Langhaus und dem Turmhelm errichtet und stellt im Kontext der Architektur der Mitte des 14. Jahrhunderts eine herausragende architektonische Leistung dar. Er steht in enger Verbindung zum kurz zuvor errichteten Albertinischen Chor von St. Stephan in Wien (1304-1340) und übertrifft die älteren österreichischen Bauten im Grad der Wandauflösung. In Maria am Gestade wurden bei jedem Bauteil die aktuellsten architektonischen Errungenschaften angewandt, weshalb auch dem Chor eine ausführliche Behandlung und Untersuchung gebührt. Der vorliegende Beitrag will die Forschungslücke zum Chor schließen, indem zunächst Datierungsfragen anhand der Schriftquellen erörtert werden. Die stilistischen Vergleiche überprüfen die vorgeschlagene Datierung und unterstreichen die Bedeutung des Chores. Dies bildet die Grundlage, um mögliche Intentionen für den Neubau zu diskutieren sowie die mittelalterliche Nutzung des Chores zu analysieren.11

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"… da iezu der neu chor an desselben hauses stat stet." – Der Chorneubau in den Schriftquellen

Die Quellenlage zum Neubau des Chores ist dürftig und liefert weder ein genaues Beginn- noch ein Vollendungsdatum. Spätestens 1347 muss sich der Chor in Bau befunden haben, denn aus den Jahren 1347, 1349, 1354 und 1361 sind Stiftungen "zu dem pau", "zu dem paue", "zu dem werch" und "ze dem werich" erhalten.12 Die gängige Forschungsmeinung setzt den Baubeginn schon 1330 oder 1332 an. Richard Perger und Walter Brauneis begründen diese Datierung mit einer Notiz im Codex Z.61 des Wiener Dominikanerklosters. In dieser wird erwähnt, dass ursprünglich geplant war, mit dem Neubau des Langhauses der Dominikanerkirche 126 Jahre früher als tatsächlich erfolgt – also 1332 – zu beginnen. Dies sei jedoch nicht möglich gewesen, da sich der Chor von Maria am Gestade gerade in Bau befunden habe.13 Warum in einer Zeit, in der in Wien mehrere Kirchen erbaut wurden,14 die zeitgleiche Errichtung von Maria am Gestade und Dominikanerkirche nicht möglich gewesen sein soll, bleibt allerdings offen. Mit einer Stiftungsurkunde untermauern Perger und Brauneis ihre These:15 1335 stiftete die Wienerin Gertraud, die in unmittelbarer Nähe zu Maria am Gestade ein Haus besaß, einen Teil ihres Grundstücks der Kirche. Die Stiftungsurkunde legte als Bedingung fest, dass, "wenn gebaut werden wird, das Wasser mit seinen Riemen hinausgeleitet werden" müsse. Es müsse sich laut Perger und Brauneis um einen Baugrund für den neuen Chor handeln. Da jedoch weder der Zweck noch die Art der Bauarbeiten erwähnt wurde, könnte es sich beispielsweise auch um einen Baugrund für das Widemhaus gehandelt haben, befand sich das Grundstück doch "zwischen ihrem [Gertrauds, Anm.] Stadel und dem Widemhaus der genannten Kapelle",16 für das bereits ein knappes Jahr zuvor Bauarbeiten überliefert sind.17

Einen anderen Datierungsvorschlag macht Renate Wagner-Rieger, mit einem terminus post quem 1343, für den sie Quellen aus den Jahren 1343 und 1360 heranzieht. In einer Urkunde vom 23. April 1343 ist die Rede von einem "Haus an Unserer Frauen Kapelle auf der Stetten zu Wien", das Gertraud gehöre18 – jener Gertraud, die der Kirche 1335 ein Grundstück gestiftet hatte. Wenige Jahre später, nämlich am 11. Jänner 1360, scheint dieses Haus nicht mehr zu existieren, sondern an seiner Stelle der neue Chor zu stehen: "Jakob der Polle kauft den Weingarten von den 60 lb dn., welche Frau Gedraut, weiln hern Otten wittibe, […] der Kapelle geschafft hatte auf der Uebertheuerung des Hauses, das si geschaft hat zu Unser Vrowen chapellen auf der Stetten ze Wienne, da iezu der neu chor an desselben hauses stat stet."19

Baupläne könnten bereits um 1330 gereift sein, es ist auch möglich, dass das 1335 gestiftete Grundstück tatsächlich als Baugrund für den Chor dienen sollte, die schriftlichen Quellen belegen jedoch, dass zu einem unbestimmten Zeitpunkt nach dem 23. April 1343 das Haus Gertrauds für den Chorneubau geschliffen wurde und ein Baubeginn erst ab diesem Zeitpunkt angesetzt werden kann. Da die erste überlieferte Stiftung für den Chorbau aus dem Jahre 1347 stammt, muss der Baubeginn zwischen 1343 und 1347 liegen.

Ebenso wenig wie ein exaktes Beginndatum eruierbar ist, ist das Vollendungsdatum eindeutig. Meist erfolgt die Datierung in der Forschungsliteratur um 1350 oder 1357.20 Eine Fertigstellung um 1350 wird mit einem Testament vom 9. August 1349 begründet, in dem der Wiener Perichtold 30 Pfund Wiener Pfennige stiftete, um "ein glas in das erst ober grozze venster in Unser Vrowen chõr auf der Stetten ze Wienne an der zeil gegen dez Mæserleins haus über" zu setzen.21 Auch wenn diese Fensterstiftung zu der Annahme einer weitgehenden baulichen Vollendung des Chores verleitet,22 ergaben Untersuchungen der erhaltenen Glasmalereien im Chor von Maria am Gestade, dass diese mehreren Ausstattungsphasen zuzurechnen sind und die Produktion für den Chor bis zum Ende des 14. Jahrhunderts nicht abriss.23 Bei der Anfertigung der Glasgemälde muss es sich aufgrund der enormen Fenstergrößen um ein umfangreiches Unterfangen gehandelt haben, daher scheint ein Start der Fensterproduktion erst nach Vollendung des Chores unwahrscheinlich. Der Bau- und Ausstattungsprozess einer gotischen Kirche ist vielmehr synchron und nicht starr linear zu denken und der Auftrag für eine Glasmalerei kann noch während der Bauarbeiten erfolgt sein.

Das zweite häufig zitierte Vollendungsdatum 1357 bezieht sich auf die Erwähnung eines Marienaltars in der Kirche.24 Wo sich der Altar in der Kirche befand, wird in dieser Messstiftung nicht erwähnt, allerdings kann aufgrund des Kirchenpatroziniums angenommen werden, dass es sich bei dem Marienaltar um den Hochaltar handelte. Wann eine Überführung des Altars, der sicher bis zu einer weitgehenden baulichen Vollendung des Chores in der Kapelle des 12. Jahrhunderts belassen wurde, erfolgte, ist nicht belegt. Die bloße Erwähnung eines Marienaltars in der Kirche bestätigt ohne eine genauere Lokalisierung innerhalb des Kirchenraumes folglich keine Fertigstellung des Chores. Von einer gesicherten liturgischen Nutzung kann man erst im Jahre 1363 ausgehen, als ein Elftausend-Jungfrauen-Altar im Chor gestiftet wurde.25

1353 forderte ein Ablass die Wiener und Wienerinnen auf, Geld für den Bau und die Ausstattung zu geben,26 die letzte überlieferte Stiftung "ze dem werich" erfolgte am 7. Jänner 1361,27 anschließend sind bis zum Bau des Langhauses am Ende des 14. Jahrhunderts keine finanziellen Zuwendungen erhalten. Aufgrund dieses Abrisses der Baustiftungen, der Erwähnung, dass der neue Chor an der Stelle von Gertrauds Haus stehe, und der gesicherten liturgischen Nutzung spätestens ab 1363, kann von einer weitgehenden baulichen Vollendung um 1360 ausgegangen werden.

Warum Jans Greif, der Urenkel von Ritter Griffo, 1357 nach Korneuburg umzog und die Kirche, an deren Bau und Ausstattung nach wie vor gearbeitet wurde, dem Passauer Offizial überließ, ist nicht klar. Möglich ist, dass der Umzug aus praktischen Gründen erfolgte, das Bauprojekt zu groß geworden war, sich die persönlichen Interessen verlagerten oder der Verkauf auf Bestrebungen des Bistums Passau zurückzuführen ist. Auch wenn sich diese Vermutungen nicht belegen lassen, steht fest, dass zwar während des Patronats der Familie Greif der Bau initiiert, jedoch nicht vollendet wurde. Nachdem das Bistum Passau das Patronat übernommen hatte, dürfte der Bau nicht sonderlich vorangetrieben worden sein. Es sind zwar noch Stiftungen überliefert, aber etwa 1361 wurde auch der Turmbau eingestellt. Erst als 1391 Freiherr Hans von Liechtenstein-Nikolsburg und ab 1395 Herzog Albrecht III. von Österreich das Patronat übernahmen, wurde an der Kirche weitergebaut:28 Wie eine Inschrift am Triumphbogen zwischen Langhaus und Chor belegt, in der auch Meister Michael als "primus artifex" bezeichnet wird, wurde das Langhaus bis 1414 fertiggestellt. Aufgrund der Darstellung des Turmes auf der Tafel "Begegnung von Joachim und Anna" des Albrechtsaltars in Klosterneuburg (Niederösterreich) muss der Turm spätestens 1438/40 vollendet gewesen sein.29 1409 wurde das Patronat wieder Passau übertragen, das es bis 1783 innehatte, als Maria am Gestade der Kirche am Hof unterstellt wurde. Durch die Säkularisation ging sie 1805 an den österreichischen Religionsfond und wurde 1820 dem Redemptoristenkloster übertragen, in dessen Besitz sie noch heute ist.30 Während dieser wechselvollen Geschichte wurde die Kirche mehrfach beschädigt, restauriert und mehreren Umgestaltungen unterzogen. Der heutige Raumeindruck ist geprägt von den Restaurierungen und Regotisierungen des 19. Jahrhunderts, im Zuge derer die barocken Ausstattungselemente (u.a. Altar, Kanzel, Orgelempore) entfernt wurden und der im Chor dominierende neugotische Altar eingefügt wurde.31 Auch wenn die Kirche Maria am Gestade einen weitgehend gotischen Eindruck vermittelt, konnte bereits Hassmann aufgrund von Bildquellen des frühen 19. Jahrhunderts Veränderungen belegen.32 Die größten nachweisbaren Eingriffe in den Originalbestand im Inneren waren die Veränderung der Figurenbaldachine, die teilweise Vermauerung der Fenster aufgrund von Anbauten und die durch Zugänge zu den Choranbauten durchbrochene, ehemals sicher durchlaufende Sitzbank. Am Außenbau wurde das Dach mehrfach erneuert, niedrige Anbauten am Chor errichtet und wieder abgebrochen und im 19. Jahrhundert erfolgte der Abriss der seit dem 13. Jahrhundert bestehenden und in engem baulichen Verband mit dem Chor stehenden Passauerhöfe. Ebenso erfolgten geringfügige Änderungen wie beispielsweise die Ergänzung von Wasserspeiern am Doppelportal oder die Rekonstruktion einzelner Fenstermaßwerke. Mehreren Glücksfällen ist jedenfalls zu verdanken, dass die Kirche zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht wie geplant abgerissen,33 sondern restauriert wurde und noch heute besteht.

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Der Chor im Kontext der zeitgenössischen Architektur

Bei dem Chor, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts entstand, handelt es sich um einen einschiffigen, dreijochigen, kreuzrippengewölbten Bau mit 5/8-Schluss (Abb. 2-3). Vierfach abgetreppte und in kleinen Kreuzblumen endende Strebepfeiler wechseln sich am Außenbau mit Maßwerkfenstern ab. Die gleichmäßige Gestaltung wird im ersten südlichen Joch durch die Portalvorhalle unterbrochen, über die man in den hellen Chor gelangt, in dem vierbahnige und im Chorschluss dreibahnige Maßwerkfenster die gesamte Wandfläche zwischen den kapitelllos ins Gewölbe laufenden Bündelpfeilern einnehmen (Abb. 3).

Nur unterhalb der bis zu den Gewölbeansätzen reichenden Maßwerkfenster stehen durch Blendmaßwerk strukturierte Mauerflächen, die unterhalb von einer umlaufenden Sitzbank abgeschlossen werden. Den Bündelpfeilern sind Runddienste vorgelagert, die reich dekorierte Figurensockel tragen und von Baldachinen bekrönt werden. Diese enden in Blattwerkkonsolen, auf denen die gewölbetragenden Rippen ruhen.

3 Maria am Gestade, Wien, Blick in den Chor (aus: Arthur Saliger, Maria am Gestade in Wien [Christliche Kunststätten Österreichs, Bd. 14], Salzburg 2008, 9)

Im Westen trennt ein Triumphbogen den Chor von dem in der Achse leicht verschobenen einschiffigen Langhaus. Die Achsverschiebung und der Achsknick sind durch Terrainverhältnisse, die enge mittelalterliche Bebauung des umliegenden Gebietes und die Position des Turmes bedingt, die auch zur Errichtung eines schmalen, dafür jedoch steil proportionierten Langhauses geführt haben.34 Der siebeneckige von einem durchbrochenen Maßwerkhelm bekrönte Turm befindet sich in der südlichen Ecke zwischen Chor und Langhaus und ragt in den Innenraum der südlichen Langhauskapelle. Die östlichen Langhauskapellen verbreitern optisch den schmalen Bau und leiten zum breiteren Chor über. In der Wanddekoration dem Chor ähnlich, befinden sich im Langhaus jedoch nur dreibahnige, bedeutend schmälere Maßwerkfenster. Bedeutung erlangt das Langhaus nicht wie der Chor durch seine hohe Wandauflösung, sondern aufgrund des raffinierten Netzrippengewölbes. Ebenso bedeutend ist die als Schaufassade gestaltete, schlank und hoch proportionierte Westfassade des Langhauses, die in drei horizontal getrennte Abschnitte gegliedert ist und in deren untersten Bereich sich ein sechseckiger Portalbaldachin mit Sterngewölbe einfügt.

Für die Form des Chorgrundrisses wurden Einflüsse von Bettelordenschören, Niederösterreichischen Großkapellen und dem Albertinischen Chor von St. Stephan in Wien geltend gemacht.35 Am wahrscheinlichsten ist jedoch die Tatsache, dass diese im Grundriss so schlichte Form eine für die topographische Lage günstige Wahl war und man sich eines erprobten und unkomplizierten Bautyps bediente, um eine viel wichtigere stilistische Besonderheit des Chores zu ermöglichen: die Reduktion der Wandflächen auf die Bündelpfeiler und den somit fast vollständigen Verzicht der Mauer zugunsten großer Fensterflächen. Die schlanken, kapitelllos ins Gewölbe laufenden Bündelpfeiler verschmelzen optisch mit dem Fenstergewände, unterstreichen den Höhenzug der Architektur und strukturieren den Raum in einer rhythmischen Abfolge. Die Maßwerkfenster reichen bis zu den Gewölbeansätzen und erwecken den Eindruck einer aufgelösten Mauerfläche. Sie ersetzen die Wand, übernehmen deren Rolle und werden zu einem Teil der Architektur.36 Nur unterhalb der Fenster stehen Wandflächen, die sich etwa über ein Drittel der Raumhöhe erstecken und die durch Blendmaßwerkapplikationen gegliedert sind. Vorläufer für eine derart gesteigerte Wandauflösung sind in der Umgebung Wiens die Leechkirche in Graz (nach 1250, Weihe 1293), bei der im Chorschluss nur noch schmale Wandstreifen stehen bleiben, und der Chor von Heiligenkreuz (Niederösterreich, 1295 geweiht). Vor allem Kleinbauten wie das Brunnenhaus in Heiligenkreuz (um 1295), die Herzogskapelle in Perchtoldsdorf (Niederösterreich, 1335-1338) und die Katharinenkapelle in Imbach (Niederösterreich, zweites Viertel 14. Jahrhundert, Abb. 4) führen diese Entwicklungen weiter.

4 Katharinenkapelle, Imbach (Niederösterreich), zweites Viertel des 14. Jahrhunderts (aus: Günter Brucher, Hg., Geschichte der Bildenden Kunst in Österreich, Bd. 2: Gotik, Wien 2000, 47)

Im Albertinischen Chor,37 der eine wichtige Vorbildfunktion für gotische Bauten vor allem in Niederösterreich übernahm und dessen Bauhütte wichtige Impulse für die architektonische Entwicklung lieferte, stehen zwischen den Bündelpfeilern und Fenstern noch schmale Wandflächen. Dies zeigt, dass auch bei Großbauten die Fenster immer breiter wurden, im Chor von Maria am Gestade wird erstmals im Wiener Umkreis die vollständige Wandauflösung bei einem Bau dieser Dimension verwirklicht. Nur wenige Jahre nach Baubeginn des Chores wurden diese Errungenschaften bei einem weiteren Chor in noch größeren Dimensionen angewendet: beim zwischen 1350 und 1461 errichteten Chor der Wiener Augustinerkirche.38

Sind es nur die vermeintlich lineare Entwicklung in der österreichischen gotischen Architektur und der von der Literatur mehrfach beschworene internationale Vorläufer der Pariser Sainte-Chapelle,39 die zur Errichtung einer Glashalle in Form des Chores von Maria am Gestade geführt haben, oder sind es beispielsweise auch spezifische Bedürfnisse der Patronatsherren, die diesen Gestaltungsmodus begünstigten?40 Bevor diese Frage beantwortet werden kann, müssen zunächst stilistische Analysen der Detailformen des Chores angestellt werden, um Verbindungen mit anderen Bauten und damit einhergehende Intentionen berücksichtigen zu können.

Die großen Fensterflächen des Chores mussten jedenfalls mit Glasmalereien versehen werden, da diese allerdings sehr kostspielig waren, beanspruchte die Produktion der Glasmalereien spätestens ab 1349 – aus diesem Jahr ist die einzige Schriftquelle zu den Glasmalereien des Chores erhalten41 – die gesamte zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die ältesten Scheiben wurden von Glasmalern geschaffen, die zuerst in St. Stephan tätig waren und anschließend in Maria Straßengel (Steiermark) einen Teil der Glasgemälde fertigten.42

Vermutlich waren in Maria am Gestade neben den von St. Stephan stammenden Glasmalern weitere Mitglieder der Bauhütte von St. Stephan am Bau und an der Ausstattung beteiligt. Die Hütte verfügte über außerordentliche Strahlkraft, viele Bauten in und um Wien und auf dem heutigen österreichischen Gebiet wurden mit ihrer Hilfe errichtet oder rezipierten ihre Errungenschaften. In Maria am Gestade sind es vor allem architektonische Detailformen, die ein Nahverhältnis bekräftigen.

5a Maria am Gestade, Wien, Figurenbaldachin im Chor, dritter nördlicher Bündelpfeiler. 5b Michaelerkirche, Wien, Figurennische der Südchorkapelle, um 1350/1355 (Fotos © 2012, Georg Tschannett, Wien [5a] und Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Fotograf: Karl Pani [5b])

So stehen die in den Bündelpfeilern eingestellten Figurenbaldachine (Abb. 5a) in einer von St. Stephan ausgehenden Tradition. Hassmann konnte aufgrund von Vergleichen mit Stichen des 19. Jahrhunderts belegen, dass die Aufsätze der Figurenbaldachine erst nachträglich zugefügt wurden. Sie sind in beinahe identischer Form auch in der Südchorkapelle der Wiener Michaelerkirche zu finden und dort um 1350/1355 zu datieren (Abb. 5b).43 Die aus Blattwerkformationen gebildeten Figurensockel im Chor von Maria am Gestade treten in zwei verschiedenen Typen auf (Abb. 6) und sind in ähnlicher Weise an St. Stephan, dort vor allem im Albertinischen Chor, der Eligiuskapelle und am ähnlichsten bei den Figurensockeln des Singertores gebildet.

6 Maria am Gestade, Wien, Figurensockel im Chor. 6a Zweiter nördlicher Bündelpfeiler. 6b Dritter nördlicher Bündelpfeiler (Fotos © 2012, Georg Tschannett, Wien)

7 St. Stephan, Wien, Blattkonsole mit Maskeron (heute Wien Museum), um 1360 (aus: 850 Jahre St. Stephan. Symbol und Mitte in Wien. 1147-1997, Ausst.kat. [Ausstellung des Dom- und Metropolitankapitel Wien, 24. April - 31. August 1997; 226. Sonderausstellung Historisches Museum der Stadt Wien], Wien 1997, 97, Kat.-Nr. 3.30.2)

Beinahe identisch sind die Blätter des zweireihigen Typs bei einer Blattkonsole mit Maskeron des südlichen Seitenschiffes von St. Stephan ausgeformt (Abb. 7), die heute im Wien Museum aufbewahrt wird und um 1360 datiert werden kann.44 Aufgrund der Übereinstimmungen können die Figurensockel von Maria am Gestade ebenfalls um 1360 eingeordnet werden und belegen eine formale Beziehung mit den von der Bauhütte von St. Stephan errichteten Bauten.

Nur ein Kapitell, nämlich jenes des fünften nördlichen Bündelpfeilers ersetzt die Blattwerkformen durch eine figürliche Darstellung: Zwei Schriftbänder haltende Engel sind in weite Kleider gehüllt und schreiten aufeinander zu, während sie in den Kircheninnenraum blicken. Das Kapitell wurde ins 15. Jahrhundert datiert, in der Literatur aber nur selten besprochen.45 Ähnlichkeiten mit den Schlusssteinen von Maria am Gestade und mit einem Matthäusengel einer Konsole der Wallfahrtskirche Straßengel (vor 1355)46 legen jedoch eine Datierung gemeinsam mit den Blattwerkkapitellen und somit eine Entstehung während der Bauzeit des Chores nahe.

Die Baldachine und Sockel bilden in den Bündelpfeilern Figurennischen, in denen neugotische Statuen, die um 1820 geschaffen wurden,47 aufgestellt sind und die zu klein für ihre Nischen wirken. Im Langhaus haben sich allerdings vier Figuren, die der ursprünglichen Chorausstattung zuzurechnen sind und um 1360 entstanden, erhalten. Zum Kirchenpatrozinium passend entstammen sie der Marienikonographie und sind zwei Gruppen zuzurechnen: Maria und der Engel gehörten einer Verkündigungsgruppe an und die zwei Königsfiguren einer Epiphanie.48

Trotz der Verbindungen der Baldachine und Sockel zu St. Stephan leiten sich die Profilierung der Bündelpfeiler nicht von den in St. Stephan aus Heiligenkreuz übernommenen Wandpfeilerbildungen ab, ebenso wenig von den für den Albertinischen Chor so prägenden und aus Oppenheim stammenden ondulierenden Freipfeilern, die andere Bauten der Wiener Hütte – wie die Wallfahrtskirche Straßengel oder die Zisterzienserklosterkirche Neuberg an der Mürz (Steiermark, um 1327 - vor 1379) – stark beeinflussten.49 In Maria am Gestade wurde auf das neue Prinzip zugunsten einer besseren Vereinheitlichung des eigentlichen Bündelpfeilers mit dem Fenstergewände verzichtet: Die gewölbetragenden Rippen verschmelzen so in einer Abfolge von Birnstäben (bzw. Rundstäben unterhalb des Fenstergesimses), und Kehlungen mit dem ähnlich gebildeten Gewände und werden nur von einem schmalen Grad getrennt. Diese Zusammenführung trägt zur Eleganz der Bündelpfeiler und zur Rhythmisierung des Raumes bei, was durch das kapitelllose Hochführen noch zusätzlich unterstrichen wird. Der Verzicht auf ein Kapitell als Zäsur entwickelte sich mit älteren Vorstufen wie der Freiburger Münstervorhalle (Baden-Württemberg, um 1260) bereits in den 1270er Jahren und tritt erstmals völlig ausgebildet bei dem 1291 geweihten Chor der Dominikanerkirche in Colmar (Elsass) auf.50 Häufig ist es in der Architektur um 1300 wie in St. Dionys in Esslingen (Baden-Württemberg) zu finden51 und gerade in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ein beliebtes Motiv der Wiener Hütte: Beispielsweise bei den Wandpfeilern des Albertinischen Chores von St. Stephan in Wien (1304-1340), im Chor der Pfarrkirche von Perchtoldsdorf (Niederösterreich, 1335-1338 Herzogskapelle, 1342-1362 Erweiterung zu dreischiffigem Chor), bei der Minoritenkirche in Wien (1339 - vor 1390) oder im Chor der Pfarrkirche in Lieding (Kärnten, 1330-1340/1350).

8 Maria am Gestade, Wien, Blendmaßwerkgliederung im Chor, zweites nördliches Joch (Foto © 2012, Georg Tschannett, Wien)

Die unterhalb der Fenster angebrachte Blendmaßwerkgliederung (Abb. 8) tritt in leicht abgewandelter Form im Langhaus von St. Stephan auf (ca. 1365-1375), die Grundform ist jedoch auch beim Grabmal Rudolfs IV. von Österreich im Albertinischen Chor (zwischen 1359-1366) und dem nicht erhaltenen Grab des Hl. Koloman in Melk (Niederösterreich, 1362 gestiftet)52 zu finden. Wie Friedrich Dahm nachweisen konnte, wurden die Blendarkaden dem Rudolfsgrab erst nachträglich hinzugefügt,53 und so ist auch bei der Datierung des Kolomanigrabes Vorsicht geboten. Denn das Grab ist nur durch einen Stich aus dem 18. Jahrhundert überliefert, könnte also auch Veränderungen unterzogen worden sein.

9 Pfarrkirche Bad Deutsch-Altenburg (Niederösterreich), südl. Seitenchor, Sedilie, 1380er Jahre - um 1400 (aus: Elisabeth Hassmann, Meister Michael. Baumeister der Herzöge von Österreich, Wien-Köln-Weimar 2002, 648)

Im Chor, den Seitenschiffapsiden und in der Apsis der Johanneskapelle der Pfarrkirche Bad Deutsch-Altenburg (Niederösterreich, Chor 1380er Jahre - 1400, Abb. 9) gibt es allerdings ebenfalls eine ähnliche Gestaltung. Nach Hassmann ist diese dem originalen Bestand zuzuordnen.54 Wenn dies zutrifft, könnten die Blendarkaden trotz der Datierungsschwierigkeiten der zuvor genannten Vergleichsbeispiele gegen Ende des 14. Jahrhunderts – also wesentlich nach der eigentlichen Chorbauzeit – entstanden sein. Sie müssen jedenfalls vor dem Anbringen des Sakramentshauses im Chorschluss, das wahrscheinlich um 1400, spätestens jedoch Mitte des 15. Jahrhunderts entstand, appliziert worden sein.

Auch der untere Turmbereich weist in der polygonalen Grundrissform und den Turmkantenvorlagen Bezüge zur Bauhütte von St. Stephan auf und steht in den Detailformen den Türmen der Wiener Michaelerkirche (nach 1327) und der Wallfahrtskirche von Straßengel (Steiermark, 1355-1366) sowie dem Dachreiter der Kartäuserkirche in Gaming (Niederösterreich, 1342 geweiht) nahe. Das Doppelportal mit eigener Vorhalle, das sich zwischen den ersten beiden südlichen Strebepfeilern einfügt und über eine eigene zweijochige, kreuzrippengewölbte Vorhalle verfügt, ist in den Detailformen nicht einheitlich und stimmt weder exakt mit der Architektur des Chores noch mit jener des Langhauses überein (Abb. 10).

10 Maria am Gestade, Wien, Portalvorhalle des Chores (Foto © 2012, Georg Tschannett, Wien)

Die Gewölbeform deutet aufgrund der standardmäßigen Verwendung von Kreuzrippengewölben bis um die Mitte des 14. Jahrhundert und der Übereinstimmung der Wölbungsform mit dem Chor ins 14. Jahrhundert. Die Gewölbe- und Grundrissform belegt des Weiteren, dass das Portal nicht gemeinsam mit den beiden Langhausportalen, die zwischen 1394 und 1414 zu datieren sind, errichtet worden sein kann. Bei diesen handelt es sich um Baldachine mit Sterngewölben, wovon sich das Chorportal in seiner schlichteren Gestaltung eindeutig abhebt. Des Weiteren ist das Langhaus mit seinen Seitenkapellen und Portalen von einer raffinierten Gewölbeformation geprägt, während das Chorportal von einem einfachen Kreuzrippengewölbe überfangen wird.

Das Gewände des Trichterportales wie auch die Bögen zur Vorhalle werden durch Rundstäbe gebildet, die in den Archivolten von Birnstäben abgelöst werden, der durchlaufende Blattwerkkranz trennt beides voneinander. Das Blattwerk des Trichterportals (Abb. 11a) ist bewegt, unregelmäßig und lebendig, ähnliche Formen finden sich an den Langhauskapitellen von St. Stephan55 und an einer Konsole im Kreuzgang des Zisterzienserklosters in Neuberg an der Mürz (Steiermark, um 1340/1344). Die Blätter der Vorhalle wirken im Gegensatz dazu ruhiger und gleichförmiger und finden eine Entsprechung bei den Blattwerkkapitellen des Chorinneren, die um 1360 datiert werden können. Dass Trichterportal und Vorhalle trotz der unterschiedlichen Formen gemeinsam entstanden, belegen die äußeren Gewände der Trichterportale. Dort treffen das Gewände und die gewölbetragenden Rippen aufeinander, verschmelzen zu einer Einheit und werden vom gleichen Sockel abgeschlossen (Abb. 11b). Das Kapitell und der Rundstab, die die Gewölberippen aufnehmen, stehen in einem kleinen Abstand zu den restlichen Rippen, der ihre unterschiedliche Funktion betont. Die gut sichtbaren, über das ganze Gewände horizontal laufenden Steinfugen bestätigen, dass das Trichterportal und die Vorhalle gemeinsam konzipiert wurden.