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0098 Hans-Ernst Mittig, Offene Kapitel beim Umgang mit NS-Kunst in Museum, Ausstellung und Forschung

RIHA Journal 0098 | 09 October 2014

Offene Kapitel beim Umgang mit NS-Kunst in Museum, Ausstellung und Forschung*

Hans-Ernst Mittig

Peer review and editing managed by:

Regina Wenninger, Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI), Munich

Reviewers

Christian Fuhrmeister, James Van Dyke

Abstract

Research on, and presentation of, Nazi art raises specific questions: First, how to present it, who will be its audience and what will be the significance of its research and presentation both within and outside the scientific community? Second, why do further research on Nazi art at all, and to what extent will the proclaimed purposes stay valid? And, third, what research desiderata does the ever increasing knowledge on the material in question reveal? In the present article, open questions in dealing with Nazi art are discussed with regard to selected exhibitions and works. Moreover, the article aims to show that a fresh look at the works and their subjects – here explored with regard to the issue of boredom – may open up new and fruitful perspectives and approaches.

Inhalt


* * * * *

  1. Die bisher reichhaltigste Dokumentation seinerzeit ausgestellter NS-Kunst, die Bild- und Forschungsdatenbank "GDK Research" (www.gdk-research.de), trifft auf eine Lage, in der filmische und dokumentarische Zeugnisse der NS-Bildwelt hohe Präsenz verschaffen. Wie weit die Medien dabei über einen für unerschöpflich gehaltenen Unterhaltungswert hinauszielen, wird kaum diskutiert. Die kunsthistorische Wissensvermehrung, die ja keinem anerkannten Kunstgenuss dient, weckt eigene Fragen: Wen werden die jeweils erforschten Materialien erreichen, welches Gewicht wird die Vermittlung an das Publikum innerhalb und außerhalb der Fachwissenschaft hinzugewinnen? Zweitens: Wozu soll diese Kunst noch weiter erforscht werden, was bleibt von den bisher proklamierten Zielen solcher Arbeit gültig? Und drittens: Welche offenen Kapitel sind trotz immer zunehmender Kenntnis des kunsthistorischen Materials zu bearbeiten?

  2. In jüngerer Zeit erschienen zwei Hinweise auf den bisherigen Stand der Dinge: Hans Ottomeyers Nürnberger Vortrag "Hitler ausstellen? Die Möglichkeiten und Probleme von Ausstellungen"1 und Christoph Zuschlags Artikel "Nationalsozialismus" im Handbuch der politischen Ikonographie.2 Die dort abgebildeten Beispiele für NS-Malerei, Adolf Zieglers Vier Elemente und Adolf Wissels Kalenberger Bauernfamilie waren 1937 beziehungsweise 1939 in die Großen Deutschen Kunstausstellungen aufgenommen worden.

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Wo ausstellen? Drei Beispiele

  1. Ottomeyers Vortragstitel "Hitler ausstellen?" ist die zugespitzte Bezeichnung für eine nicht verstummende Frage, die sich auf das elektronische Publizieren der vom NS-Regime geförderten Kunst übertragen lässt. Der allbekannte Personenname steht für gegenständliche Hinterlassenschaften und manchmal für das, was später nicht ausgestellt werden durfte: originale Skulpturen Arno Brekers 1983 in Berlin;3 fotografische Bilder Hitlers 1994 ebenda;4 Gemälde Rudolf Hengstenbergs 1994 in Potsdam5 und Paul Hähndels 1996 in Braunschweig;6 schließlich ein in Washington zurückgehaltener Teil der deutschen Propagandakunst.7

  2. Die Bezeichnung "Hitler ausstellen" macht einen Bogen um die längst diskutierte Frage, ob denn "Kunst" sei, was damals als Kunst galt und viele Merkmale davon aufweist.8 Auch sie ist sinnlich erfassbare Weltdeutung in Auseinandersetzung mit einer Formtradition. Eine Art Exkommunikation ohne solche Basis in einem klaren Begriff verspricht keinerlei Erkenntnisgewinn. Klaus Staecks "Einspruch" gegen den Einzug der "Nazi-Kunst in unsere Museen"9 hat sich trotzdem zu einem Teil durchgesetzt. Dass NS-Kunst jedenfalls nicht in die Dauerpräsentation eines Kunstmuseums gehöre, blieb leider ein kaum durchbrochener Grundsatz.10 Anderen Ausstellungsinstitutionen, manchmal auch schon den Machern temporärer Ausstellungen in Kunstmuseen, wird das Arbeitsfeld NS-Kunst inzwischen zugestanden, sofern ein kritischer Kontext hergestellt wird;11 auch diese Lizenz endet an der Schwelle zur Dauerausstellung.

  3. Durchaus nicht ganz ohne Argumente!12 Zum Beispiel wurde lange befürchtet, die ursprüngliche Propagandawirkung solcher Exponate könne sich fortsetzen und noch bekräftigt werden, wenn man sie der endgültigen Aufnahme in ein Kunstmuseum würdige. Sie als Kunst wie andere anzuerkennen, heiße ein Verständnis aufzugeben, nach dem Kunst und ihr Museum für sogenannte positive Werte ständen.13 Tatsächlich wird Kunst immer noch mit Freiheit assoziiert. Dazu drängen nicht nur idealistische Bekenntnisse unserer Museumsleute, sondern – wohl noch wirksamer – Misstrauen und Hass seitens totalitärer Regime. So unverlässlich der viel beschworene Schein von Freiheit auch ist: Ganz abgeschrieben werden sollte er nicht. Ihn mag es im Einzelfall fördern, wenn er in der Dauerausstellung eines Kunstmuseums verspürt wird, ohne dass Hervorbringungen des totalitären NS-Regimes ihm auch dort noch widersprechen.

  4. Eine Abteilung "NS-Kunst" im Kunstmuseum einzurichten und nur dort kontextualisierende Objekte und Informationen einzusetzen, wäre eine isolierende Sonderbehandlung, die vom Vorher und Nachher nationalsozialistischer Kunst ablenken könnte. Als Lösung des Problems gilt die Devise: 'NS-Kunst ins historische Museum'. Solange es – trotz weiterer Gegenargumente14 – unvermeidlich ist, dass NS-Kunst dorthin verwiesen wird, folgt daraus die Frage, ob die in historischen Museen vorhandenen Möglichkeiten zu einer sachgerechten Präsentation ausreichen und ausgeschöpft werden.

  5. In München gelang der Aufstieg einer temporären Ausstellung zu einer Dauerpräsentation des Stadtmuseums in Schritten und gegen Widerstände. Den Weg von der Ausstellung "München – 'Hauptstadt der Bewegung'" (1993/94) bis zur Museumsabteilung "Nationalsozialismus in München", die von Brigitte Schütz konzipiert worden war und 2003 eröffnet worden ist, brauche ich hier nicht nachzuzeichnen.15

  6. Noch wirkt diese Abteilung mit ihrem separaten Zugang abgekapselt. 2006 wurde in dem neuen Ausstellungsführer angekündigt, dass dieser Abschnitt der Münchner Geschichte mehr Grundfläche erhalten und in die chronologische Raumfolge eingegliedert werden soll, die bereits – im Obergeschoss – einzelne Werke aus der NS-Zeit enthält.

1 Ausstellungsansicht der Abteilung "Verfolgung" der Ausstellung "Nationalsozialismus in München – Chiffren der Erinnerung" im Münchner Stadtmuseum 1996. Foto: Autor

2 Albert Fessler, Das brennende München mit dem Blick auf das Karlstor, 1944, Öl. Münchner Stadtmuseum. Abb. aus München – "Hauptstadt der Bewegung", Ausst.kat. München 1993, S. 461

  1. Die Sammlung im Erdgeschoss erneuert den spontanen Eindruck: Ausstellung und Museum, die Institutionen, die mit originalen Gegenständen umgehen, vermitteln ein sinnlich nahes, nachwirkendes Erinnern. Sie bleiben, auch nachdem "Neue Medien" hinzugekommen sind, unersetzbar. Der ausgestellte Bestand an Geschichtszeugnissen enthält dort allerdings nur wenige Kunstwerke. Die schriftlichen Erläuterungen sind knapp, beschränken sich zum Beispiel bei Ernst Vollbehrs Gouache Feierlichkeiten an der Feldherrnhalle 9. November 1933 auf die Erzählung des Vorgangs, dem das dargestellte Erinnerungsritual galt.16 Aber der mehrmals neu aufgelegte Ausstellungskatalog von 1993 kann weiterhin als gründliche Informationsquelle dienen. Die Ausstellungsarchitektur der jetzigen Dauerausstellung wirkt mit, besonders energisch in der schwarzen nach vorn geneigten Wand zum vorletzten Themenabschnitt, "Verfolgung" (Abb. 1). Danach ist noch ein Raumkompartiment zu durchqueren, das das bombardierte München zeigt. Mehrere Gemälde sind nebeneinander zu sehen, so dass hier die Kunst den vielen zeitgenössischen Propagandatexten gegenübertritt, zum Beispiel mit Albert Fesslers 1944 entstandenem Bild Das brennende München mit dem Blick auf das Karlstor (Abb. 2).17 Gerade die Kunst zeigt also einen Teil des Unglücks, das der Nationalsozialismus für München bedeutete. Das gibt über ihre besonderen emotionalen Potenzen zu denken. Besonders dazu hat sich Heino R. Möller geäußert, als er das Bild später mit den Gemälden des brennenden Braunschweig verglich, die Walther Hoeck seit Herbst oder Winter 1944 gemalt hat (Abb. 3).18

3 Walther Hoeck, Das brennende Braunschweig, 1945 oder 1946, Öl, 124,5 x 204,4 cm. Braunschweig, Braunschweigische Landesbank. Abb. aus Deutsche Kunst 1933-1945 in Braunschweig. Kunst im Nationalsozialismus, Ausst.kat. Braunschweig, Hildesheim u.a. 2000, S. 170

  1. Die größte Fassung entstand 1945 oder 1946.19 Sie und sechs weitere waren im Jahre 2000 in Braunschweig ausgestellt – in der Schau "Deutsche Kunst 1933-1945 in Braunschweig. Kunst im Nationalsozialismus" im Städtischen Museum und im Ausstellungszentrum Hinter Aegidien, das vom Braunschweigischen Landesmuseum in einer profanierten Kirche eingerichtet worden war. Die Wiederholung des Wortes "Kunst" in dem etwas umständlichen Titel betonte schon, worum es dort gehen sollte: um Werke, die wie zu ihrer Entstehungszeit als Kunst einzuschätzen seien, von deren eingehender Untersuchung und kritischer Präsentation also nicht das nutzlose "Unkunst"-Verdikt ablenken sollte. Anlass war die 1996 eröffnete und nach zwei Wochen durch den Oberstadtdirektor geschlossene unkritische Ausstellung zum Werk des Malers Paul Hähndel, namentlich zu dem Gemälde mit dem Titel Fertigmachen von 1941 (Abb. 4).20 Es zeigt Wehrmachtsoldaten rassistisch genormten Kopftyps, die sich auf die Fortsetzung ihres Angriffs vorbereiten.

4 Paul Hähndel, Fertigmachen, Mischtechnik auf Kapokplatte, 200 x 150 cm. Brauschweig, Städtisches Museum. Abb.: Photothek ZI München / GDK Research, http://www.gdk-research.de/de/obj19363932.html

  1. Jetzt wurde auch die Vor- und Nachgeschichte der "Deutschen Kunst 1933-1945 in Braunschweig" einbezogen. Unter der Leitung des Kunsthistorikers Möller von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig arbeiteten Historiker und Kulturwissenschaftler mit und garantierten die Verknüpfung mit der politischen Geschichte. Fast alle ausgestellten, im Katalog Stück für Stück erläuterten Arbeiten waren als Kunstwerke aufgetreten und hatten auch dadurch für das Regime werben sollen.21 Exponate aus dem Alltagsbereich, zum Beispiel Abzeichen des Winterhilfswerks, waren bereits in einer Abteilung des Braunschweigischen Landesmuseums am Burgplatz zu sehen (Abb. 5). Die dortige Dauerausstellung schlug auch eine Brücke zu dem Kult Heinrichs des Löwen mittels absonderlichen Kunstgewerbes, zum Beispiel eines regelrechten Haar-Reliquiars22 und Relikten aus dem umgestalteten Dom.23

5 Abzeichen und Utensilien des Winterhilfswerks im Braunschweigischen Landesmuseum in der Ausstellung "Deutsche Kunst 1933-1945 in Braunschweig. Kunst im Nationalsozialismus", 2000, Brauschweig, Braunschweigisches Landesmuseum. Foto: Autor

  1. Ein Gemälde im Landesmuseum belegte, dass großformatige Werke der NS-Kunst in einem historischen Museum adäquat ausgestellt werden können. Adolf Wissels Kalenberger Bauernmädchen von 1943 ist auf einer Schrifttafel so ausführlich erläutert, dass auch ausgewählte Details verstanden werden oder anregende Rätsel aufgeben können (Abb. 6).24 Umgeben ist das Bild von zeitgenössischen Gegenständen des Gebrauchs und der Propaganda; ein Schaubild zeigt den angeblich folgerichtig abgelaufenen und gelungenen Freiheitskampf des deutschen Bauerntums mittels traditioneller Bilder der Bodenbearbeitung (Abb. 7). Der pflügende Bauer war auch in der Kunstausstellung von 2000 mehrfach vertreten, unter anderem durch Walther Hoecks 1939 datiertes Pflügen am Bückeberg, dem Ort der Erntedankfeiern des Reichsbauerntages (Abb. 8).25