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0117 Barbara Murovec, Zwischen Methodologie und Ideologie: Slowenische Kunsthistoriker der Wiener Schule nach 1945

RIHA Journal 0117 | 27 February 2015

Zwischen Methodologie und Ideologie:

Slowenische Kunsthistoriker der Wiener Schule nach 1945

Barbara Murovec

Editing and peer review managed by:

Ana Lavrič, France Stele Institute of Art History, Ljubljana

Reviewers:

Damjan Prelovšek, Peter Vodopivec

Abstract

The institutionalisation of Slovenian art history began in 1913, when France Stele (1886-1972), a student of Max Dvořak (1874-1921), was appointed the conservator of the province of Carniola. It became fully established in 1919, when, after the dissolution of the Austro-Hungarian Monarchy, the University of Ljubljana was founded. The paper analyses the activities of three art historians, in addition to France Stele also Izidor Cankar (1886-1958) and Vojeslav Mole (1886-1973), who shaped Slovenian art history between the two world wars. After the end of World War II, all aspects of life were completely subordinated to the Soviet system of the one-party communist state. Ideological suitability was the only standard of acceptability, also at the university. In the immediate post-war period, the older generation of art historians, who were educated in the Western European tradition, mostly in Vienna, were placed in a completely new ideological-political context, which has highly influenced the development and methodology of the discipline until the present day.

Inhalt


Einführung

  1. Die slowenische Geschichte der Kunstgeschichte ist in die Forschungen zur Kunstgeschichtsschreibung Mittel- und Osteuropas kaum integriert. Die Ursache dafür liegt in der politischen Situation Jugoslawiens nach 1948, als Titos Bruch mit Stalin offiziell einen anderen politischen Weg für Jugoslawien festlegte als für die anderen Länder des "Ostblocks" (den sogenannten "Dritten Weg"). Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass der Umgang der kommunistischen Regierung Jugoslawiens mit den Kultur- und Forschungsinstitutionen sowie den Universitäten zu keiner wirklich trennenden "Isolation" führte, auch nicht bei der politischen Kontrolle von Professoren,1 Kunstausstellungen,2 Publikationen oder der Presse.3 Auch weil die Abspaltung von der Sowjetunion 1948 keine ideologische Trennung bedeutete,4 waren die Veränderungen in der politischen Kontrolle über Wissenschaft und Kultur (verhältnismäßig) bescheiden – im Gegensatz zu dem radikalen und grundlegenden Wandel 1945 nach dem Sieg der kommunistischen Revolution.5 In vorliegendem Text wird analysiert, wie die slowenische Kunstgeschichtsforschung in der Zeit nach 1945 durch die neuen politischen Verhältnisse ihren vorhandenen europäischen Bezug verlor und wie sie sich veränderte.

  2. Die Umstände, unter denen slowenische Kunstgeschichte nach 1945 betrieben wurde, sind kaum erforscht. Die Geschichte und Methodologie des Faches waren bis in neueste Zeit kein Forschungsthema, insbesondere wurde das Verhältnis zur Politik nicht untersucht. Die Geschichte der Kunst wurde fast ausschließlich als Geschichte der Form innerhalb der Landesgrenzen Sloweniens gelehrt,6 alle Professoren seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Mitglieder der kommunistischen Partei.7 Daher bedeutet die Untersuchung der Geschichte der Kunstgeschichte für die Zeit nach 1945 ein sehr anspruchsvolles Projekt – sowohl aus fachlichen als auch aus politischen Gründen. Seit dem Tod der wichtigsten Vertreter der Nachkriegskunstgeschichte sind weniger als zehn Jahre vergangen. Der Zerfall Jugoslawiens im Jahr 1991 und die damit erworbene Selbständigkeit Sloweniens bedeutete keine den Ländern des Ostblocks vergleichbare radikale Veränderung des politischen Systems, welche die Grundlage für eine gründliche Reflexion über Kunstproduktion und das Schreiben über Kunst gebildet hätte, um dann – aus kritischer Distanz – den Einfluss der Politik und der Ideologie des sozialistischen Staates zwischen 1945 und 1991 zu untersuchen. In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten dominierte theoretische wie konzeptuelle Desorientierung, und systematische Überlegungen zu einer kunsthistorischen Methodologie liegen bislang nur ansatzweise vor. In jüngster Zeit werden das politische System und die Lebensumstände vor dem Zusammenbruch Jugoslawiens sogar mit einer gewissen Nostalgie und Idealisierung betrachtet – auch in der kunsthistorischen Literatur und bei kulturellen Projekten.8

  3. Der letzte unter den slowenischen Kunsthistorikern, der die Methodologie des Faches eingehend analysierte, war France Stele (1886-1972), jedoch konzentrierte er sich auf die Zeit von 1920 bis 1945, besonders auf die ersten Texte in slowenischer Sprache, für die Nachkriegszeit begrenzte er sich auf eine Beschreibung und Auflistung,9 die Kunstkritik ließ er außer Acht, weil er "sich auf streng historische Problematik zu beschränken wünscht[e]".10 Aufgrund der gesellschaftlich-politischen Umstände, seiner Weltanschauung und seiner Texte vor und während des Zweiten Weltkriegs ist verständlich, dass er das Verhältnis zwischen Kunstgeschichte und Politik nach dem Jahr 1945 nie thematisierte.11

Der Beginn der slowenischen als Teil der westeuropäischen Kunstgeschichte

  1. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Mehrheit der slowenischen Kunsthistoriker im deutschsprachigen Raum ausgebildet. Der Großteil des heutigen Sloweniens gehörte bis 1918 zum österreichischen Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie und Wien war Ausbildungszentrum sowohl für Intellektuelle als auch für Künstler; einer der wichtigsten Vertreter der Kunstgeschichte am Beginn des 20. Jahrhunderts aber, Auguštin Stegenšek (1875-1920),12 Theologe und römisch-katholischer Priester (Abb. 1), studierte mit Unterstützung seines kirchlichen Mäzens Michael Napotnik (1850-1922), dem Fürstbischof der Diözese Lavant, erst mit einem bischöflichen Stipendium bei Joseph Wilpert (1857-1944) am Römischen Institut der Görres-Gesellschaft im Priesterkolleg am Campo Santo Teutonico,13 dem Zentrum der christlich-archäologischen Forschung,14 und anschließend bei Joseph Strzygowski (1862-1941) in Graz, bei dem er 1905 mit der Dissertation Studien über die kirchliche Wandmalerei in Rom und Umgebung vom V. bis zum XIII. Jahrhundert promovierte.15 Wirkung zeigten nur seine Forschungen zur Kunsttopographie Sloweniens, die er nach kirchlichen Grenzen organisierte, seine anderen Leistungen, v. a. auf dem Gebiet der christlichen Ikonographie,16 und die Herausgabe des ersten kunsthistorischen Jahrbuchs in slowenischer Sprache Ljubitelj krščanske umetnosti (Freund der christlichen Kunst), das wegen des Ersten Weltkriegs nur in einem Jahrgang, 1914, erschien, werden in der Regel noch immer übersehen und nicht ihrer Bedeutung entsprechend in die Geschichte des Faches eingebunden und gewürdigt. Dazu hatte auch seine Ablehnung der Professur an der 1919 gegründeten Universität in Ljubljana beigetragen, zu der er sich entschloss, weil er auf eine weitere finanzielle Unterstützung für seine Jerusalemstudien, denen er sich ausschließlich widmen wollte, hoffte.17

1 Avguštin Stegenšek (1875-1920) (Foto: Sammlung der Abbildungen berühmter Slowenen NUK, National- und Universitätsbibliothek, Ljubljana)

  1. Da Stegenšek schon 1920 starb, wurde das Studium der Kunstgeschichte in der Zwischenkriegszeit vollkommen durch die 1886 geborene Generation von Izidor Cankar (1886-1958), Vojeslav Mole (1886-1973) und France Stele (1886-1972), die in Wien studiert hatten,18 geprägt. Nachdem Cankar im Januar 1920 der erste Universitätsdozent für Kunstgeschichte in Slowenien wurde,19 kaufte er noch im selben Jahr für das kunsthistorische Seminar die Bibliothek des verstorbenen Kollegen Stegenšek an.20 Bei der Vorbereitung des Studienprogramms und der methodischen Richtlinien wurde er durch seinen Wiener Professor Max Dvořak (1874-1921) unterstützt, Cankar war wegen dieser neuen Aufgabe im Wintersemester 1919/20 bei ihm in Wien.21

2 Josip Mantuani (1860-1933), 1922 (Foto: Sammlung der Abbildungen berühmter Slowenen NUK, National- und Universitätsbibliothek, Ljubljana)

  1. Von Anfang an war im Seminar für Kunstgeschichte der Universität in Ljubljana Josip Mantuani (1860-1933)22 als Honorarprofessor für ältere Kunstgeschichte, Archäologie und Epigraphik tätig, der im ersten Studienjahr die Einführung in das Studium der Kunstgeschichte, Kunst im Unterricht und Geschichte der griechischen Kunst lehrte, in der Regel aber wird er in der Geschichte der Abteilung für Kunstgeschichte der Philosophischen Fakultät unterschlagen (Abb. 2).23 Auch Mantuani war ein Schüler der Wiener Kunstgeschichte, wo er bei Franz Wickhoff (1853-1909) und Alois Riegl (1858-1905) studierte24 und seine kunsthistorische Laufbahn als Praktikant in der Kupferstichsammlung der Wiener Hofbibliothek begann. In das Herzogtum Krain kehrte er, nachdem er die Leitung der Musiksammlung der Hofbibliothek verließ, 1909 als Direktor des Landesmuseums Rudolfinum (heute das Nationalmuseum Sloweniens) zurück. Zur Institutionalisierung des Faches Kunstgeschichte trug er mit dem Aufbau der Gemäldesammlung und des Kataloges nach Friedrich Dörnhöffers Wiener Vorbild für die österreichische staatliche Sammlung bei25 – noch vor der Gründung des Verbandes Nationalgalerie 1918. Nach seiner Versetzung in den Ruhestand 1924 widmete er sich zwar intensiver seinem zweiten Fach Musikwissenschaft, engagierte sich aber dennoch auch weiter in den Diskussionen um die slowenische Kunstgeschichte.26

3 Izidor Cankar (1886-1958), Vojeslav Mole (1886-1973) und France Stele (1886-1972) in Wien, 1912 (Foto: Fotothek des France Stele Instituts für Kunstgeschichte ZRC SAZU, Ljubljana)

  1. Die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Ljubljana ausgebildete Generation machte hingegen aus dem (bereits erwähnten) im Jahr 1886 geborenen "Triumvirat" Cankar, Stele und Mole die Pioniere der slowenischen wissenschaftlichen Kunstgeschichte (Abb. 3). In Missachtung anderer Protagonisten, insbesondere Stegenšek und Mantuani, trugen diese "Pioniere" auch selbst erheblich dazu bei, vor allem Stele in seinen Texten zur Geschichte und Methodologie der slowenischen Kunstgeschichte.27 Zudem waren zu Beginn der Institutionalisierung 1918, bedingt durch die geringe Größe des Landes, die Einrichtungen eng miteinander verbunden, dieselben Personen übernahmen vielfältige und unterschiedliche Aufgaben, die meisten davon Cankar und Stele.28

4 Ankunft von Izidor Cankar als Botschafter in Buenos Aires, 1936 (Foto: Sammlung der Abbildungen berühmter Slowenen NUK, National- und Universitätsbibliothek, Ljubljana)

Zbornik za umetnostno zgodovino (Archives d’histoire de l’art), Zeitschriftentitel der 1921 von Izidor Cankar herausgegebenen Zeitschrift für Kunstgeschichte

  1. Cankar hatte seine Professur an der Universität Ljubljana bis 1936 inne, als er als Diplomat des königlichen Jugoslawiens seine Arbeit in Argentinien und Kanada aufnahm (Abb. 4). Bis dahin engagierte er sich maßgeblich für den Aufbau kunsthistorischer Institutionen. Unter anderem gründete er den Slowenischen Kunsthistorischen Verband und die Zeitschrift Zbornik za umetnostno zgodovino (Archiv für Kunstgeschichte) (Abb. 5), außerdem wurde auf seine Initiative hin die Moderne Galerie gegründet, und über die Familie seiner Frau Niča Hribar (1907-1988) sorgte er auch für die finanzielle Unterstützung des Baus des neuen Galeriegebäudes.29

  2. Das kunsthistorische Erbe von Vojeslav Mole, verteilt zwischen Ljubljana und Krakau, ist kaum erforscht (Abb. 6).30 Nach dem jetzigen Wissensstand ist Mole in seiner öffentlichen Tätigkeit nicht mit Cankar und Stele vergleichbar. Im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen war er bei seinen Studien weitaus slawischer orientiert. Zuerst studierte er in Krakau und Rom, sein Studium beendete er 1912 in Wien.31 Im kunsthistorischen Seminar in Ljubljana lehrte er seit 1921 Antike und byzantinische Kunst und bekam 1924 die Professur im neugegründeten Seminar für Klassische Archäologie, die Position, um die sich Mantuani vergeblich bemüht hatte. Bereits im Studienjahr 1924/25 wurde Mole Gastprofessor an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wohin er 1926 übersiedelte und Professor für slawische Kunstgeschichte wurde. Da seine Frau polnische Jüdin war, zog er 1939 mit seiner Familie von Krakau nach Ljubljana zurück und leitete dort zwischen 1940 und 1945 den Lehrstuhl für Byzantinistik.32

6 Vojeslav Mole, 1909 (Foto: Sammlung der Abbildungen berühmter Slowenen NUK, National- und Universitätsbibliothek, Ljubljana)

  1. Rajko Ložar (1904-1985), der sich 1922 immatrikulierte, erinnerte sich in der Emigration an seine Professoren:

"Im wissenschaftlichen Sinne erfüllten die beiden Seminare ihre Aufgaben relativ gut. Cankar vertrat die Position von J. Wilpert, F. Wickhoff und den andern, dass die Herkunft der altchristlichen Kunst in Rom zu suchen sei, Mole hingegen verfocht die Meinung von Strzygowski, dass der Ursprung tatsächlich im Osten liege."33

  1. Die formalen Anfänge der von der Kirche unabhängigen Institutionen reichen bis in die österreichisch-ungarische Monarchie zurück, als 1913 Max Dvořak France Stele zum Landeskonservator in Krain bestimmte und damit die Denkmalpflege im heutigen Slowenien mit der Landeszentrale in Ljubljana institutionalisierte (Abb. 7).34 Stele, der einzige von den dreien, der Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung war, arbeitete systematisch an dem Aufbau des Faches Kunstgeschichte als einer exakten historischen Wissenschaft.35 Auf Initiative seines Lehrers Dvořak forschte er in seiner Dissertation über die spätgotische Wandmalerei seiner Heimat.36 Neben der Feldforschung, die eng mit seiner Tätigkeit als Landeskonservator verbunden war und bei der er topographische Beschreibungen verfasste und so gut wie alle Kirchen, Klöster, Burgen und Schlösser im Land dokumentierte, war er entscheidend an der Herausgabe von Zeitschriften beteiligt.37 Ein weiterer Schwerpunkt seines Interesses lag in der modernen Kunst bzw. in der Zusammenarbeit mit slowenischen Künstlern, wie Matej Sternen (1870-1949), Rihard Jakopič (1869-1943), den Brüdern France Kralj (1895-1960) und Tone Kralj (1900-1975), dem Architekten Jože Plečnik (1872-1957) und anderen wichtigen Vertretern der zeitgenössischen Kunst (Abb. 8). Stele leitete das Denkmalamt bis 1938, als er das Amt an France Mesesnel (1894-1945) übergab,38 da er nach dem Wechsel Cankars in die Diplomatie den Lehrstuhl an der Universität übernahm.

7 France Stele als Landeskonservator, 1913/1914 (Foto: Fotothek des France Stele Instituts für Kunstgeschichte ZRC SAZU, Ljubljana)

8 France Stele mit dem Architekten Jože Plečnik vor der Kirche in Ptujska Gora (Foto: Fotothek des France Stele Instituts für Kunstgeschichte ZRC SAZU, Ljubljana)

Drei Gründungstexte der slowenischen Kunstgeschichte

  1. In seinen Texten über die Geschichte der Kunstgeschichte hob Stele systematisch die Wiener Schule als grundlegendes Fundament hervor, was nach dem Krieg keiner Revision, die in die Methodologie des Faches eingreifen würde, untergezogen wurde. Noch 1955 bezeichnete er die slowenische Kunstgeschichte als einen

"Abkömmling der älteren Wiener Schule, wo ihre Gründer Prof. Izidor Cankar und auch sein Nachfolger [France Stele] studiert haben; sie haben die Prinzipien der Kunstgeschichteals Geistesgeschichte im Sinne der Geschichte der Entwicklung der Stile und einer exaktmethodischen Geschichtswissenschaft zur Grundlage ihrer Schule gemacht."39

  1. Als grundlegend für die Formierung der slowenischen Kunstgeschichte hob Stele drei in slowenischer Sprache geschriebene Bücher hervor. Alle waren nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie und vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden, der Autor des einen war Izidor Cankar, die beiden anderen schrieb Stele selbst.

  2. Uvod v umevanje likovne umetnosti: Sistematika stila (Eine Einführung in das Verständnis der bildenden Kunst mit dem Untertitel Systematik der Stile, 1926) von Cankar ist laut Stele eine Verbindung der Grundbegriffe Wölfflins mit der Dvořakschen Kunstgeschichte als Geistesgeschichte, Cankars Ziel sei es, "eine Kunstgeschichte als Stilgeschichte ohne Namen zu begründen" (Abb. 9).40 Diese Einführung sollte sowohl methodologisch wie auch terminologisch das Fundament für die Studierenden der Kunstgeschichte an der Universität Ljubljana bilden. Cankars Systematik der Stile nimmt als theoretische Leistung noch immer eine besondere Position in der slowenischer Geschichte des Faches ein,41 zugleich unterstütze sie aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Entstehung einer ideologisch akzeptablen, weil völlig dekontextualisierten Kunstgeschichte als Geschichte der Form.