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0185 Markus Eisen, „Neues Wohnen“ für „Neue Menschen“: Ledigenheime als Programmbauten der Moderne in der späten Weimarer Republik

RIHA Journal 0185 | 30 May 2018

Neues Wohnen“ für „Neue Menschen“: Ledigenheime als Programmbauten der Moderne in der späten Weimarer Republik

Markus Eisen

Abstract

When Hans Scharoun, Walter Gropius, and Ludwig Mies van der Rohe presented their emblematic works of architecture at major programmatic exhibitions in Breslau (1929), Paris (1930) and Berlin (1931), they chose single-person homes and apartments to represent them. This type of structure was conceived specifically to accommodate the lifestyle of a modern nomad, unattached to one single location, material possessions, familial or national bonds, a person attuned to his time. As will be highlighted in this article, this new type of architecture and design reflected a number of contemporary social theoretical positions on the human condition in the twentieth century.

Einleitung

[1] Für gewöhnlich löst der Begriff „Ledigenheim“ nicht unbedingt Assoziationen wie „radikale Progressivität“ oder „vorbehaltslose Moderne“ aus – der eher altertümliche Klang des längst außer Gebrauch gekommenen Wortes dürfte bei den Allermeisten eher Bilder evozieren, die etwas mit notdürftiger Unterbringung, prekärer Lebenslage oder materieller Not zu tun haben und sicher nichts mit avantgardistischem Wohnen.1 Die Bezeichnung „Ledigenheim“ sperrt sich also gegen die Tatsache, dass gerade diese Bautypologie für eine kurze Phase, die für die architektonische Moderne so bedeutende Zeitspanne zwischen 1928 und 1931, zu einer entscheidenden Bauaufgabe mit programmatischem Charakter werden konnte.2 So wählten etwa Hans Scharoun, Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe, als ihnen die Möglichkeit zur großangelegten Selbstdarstellung gegeben war und sie frei wählen konnten, was der Öffentlichkeit als Quintessenz der eigenen architektonischen Arbeit präsentiert werden sollte – also in den berühmten Ausstellungen der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre –, Ledigenheime und Ledigenwohnungen zur Demonstration ihrer Ideen.3 In die Grundsatzüberlegungen der Protagonisten schob sich damals neben der alten Werkbundforderung nach Einklang von Wirtschaft, Technik und Form zunehmend auch als vierte Komponente die Frage nach der Art und Weise des Wohnens, nach den soziologischen Grundlagen und Bedingungen der Wohnarchitektur ein. In den Worten von Gropius 1925:

Allgemein brauchbare Lösungen, die der modernen Zeit wirklich entsprechen, sind deshalb noch nicht entstanden, weil das Problem des Wohnungsbaus an sich noch nirgends in seinem ganzen“ – man beachte die Reihenfolge – „soziologischen, wirtschaftlichen, technischen und formalen Gefüge erfaßt und danach planmäßig und im Großen von Grund auf gelöst wurde. [...] Dieser Generalplan, das ‘Wie wollen wir wohnen?’ als allgemeingültiges, aus den geistigen und materiellen Möglichkeiten der Gegenwart gefundenes Denkergebnis, existiert noch nicht.“4

[2] Klarer und unmissverständlicher formulierte Adolf Behne zwei Jahre später: „Die beste politische und technische Vor- und Mitarbeit“ müsse „verpuffen, wenn nicht ein klares Bewußtsein da ist von dem Menschen, der wohnen wird. Neues Bauen setzt voraus ein neues Wohnen ... neues Wohnen aber setzt voraus den neuen Menschen.“5 Da die entscheidenden Vertreter der Moderne sich diese „Neuen Menschen“ aber tendenziell und freilich mit verschiedener Nuancierung als großstädtische, nomadenhafte, von Ort, materiellem Ballast, familiärer und nationaler Bindung losgelöste und in moderner Terminologie „befreite“ Frauen und Männer zurechtgelegt hatten, konnte der Bautypus Ledigenheim in einer spezifisch modernen Ausprägung unverhofft ins Zentrum des Geschehens rücken.6 So waren derartige Gebäude etwa für Gropius um 1930 „echte Zukunftswohngebilde“7 oder das eigentliche „moderne Großhaus [...] unserer Zeit“.8

[3] Bevor man sich aber mit Bauten und Entwürfen auseinandersetzt, die innerhalb dieses modernen Gedankenkonstrukts stehen, ist es ausgesprochen instruktiv, sich die Entwicklung des Bautyps zumindest grob vor Augen zu führen. Der tiefgreifende Wandel in der gesellschaftlichen Stoßrichtung tritt erst so in seiner ganzen Radikalität zu Tage.

Ledigenheime vor ihrer modernen Vereinnahmung

[4] Das Ledigenheim ist eine ausgesprochen junge Bauaufgabe. In Deutschland wurden solche Gebäude erst seit etwa 1850 errichtet, also etwa zeitgleich mit der hier im Verhältnis zu England und Frankreich verzögert einsetzenden Industrialisierung. Es handelt sich anfangs fast ausschließlich um von der Arbeitgeberseite initiierte Projekte, die den Arbeitskräftemangel an bestimmten, innerhalb kürzester Zeit sich explosionsartig entwickelnden Produktionsstandorten beheben sollten. 1908 gab es allein in den niederrheinisch-westfälischen Gebieten mindestens 75 derartige Einrichtungen9, die teilweise erhebliche Umfänge annehmen konnten, wie etwa das 1874 in Betrieb genommene Wohn- und Kosthaus des Bochumer Vereins für Bergbau und Gußstahlfabrikation, das für nicht weniger als 1.200 Bewohner konzipiert war (Abb. 1).10

1 Wohn- und Kosthaus des Bochumer Vereins für Bergbau und Gußstahlfabrikation, Bochum, 1874, Erdgeschossgrundriss (reprod. nach Schlafstellenwesen und Ledigenheime, Vorbericht und Verhandlungen der 13. Konferenz der Centralstelle für Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen am 9. und 10. Mai 1904 in Leipzig, Berlin 1904 [= Schriften der Centralstelle für Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen Nr. 26], S. 11)

Am Grundriss leicht ablesbar ist die ebenso charakteristische wie naheliegende bauliche Differenzierung zwischen den beiden Hauptfunktionen, den an langen Korridoren aneinandergereihten Zimmerfluchten und den in diesem Fall in einen gesonderten Gebäudeteil ausgelagerten Gemeinschaftseinrichtungen wie Speisesaal, Arbeitsräume, Küche, Brausebäder oder – eine kuriose Einzigartigkeit – ein römisch-irisches Schwitzbad. Diese scharfe Trennung des Schlafbereichs von den Wirtschafts- und Aufenthaltsräumen liegt im Wesen des Gebäudetyps und bleibt auch bei den Avantgardebauten der späten 20er und frühen 30er Jahre so bestehen. Häufiger als die Auslagerung ganzer Gebäudeteile ist allerdings die geschossweise Trennung der Funktionen, also Gemeinschaftsräume in einem, Schlafräume in anderen Geschossen. Das Leben in solchen Ledigenheimen war streng reglementiert, die Hausordnungen drakonisch und deren Nichteinhaltung mit harten Strafen belegt, schnell bis zur Ausweisung aus der Institution.

[5] Diese Bauten blieben, wenn sie auch gar nicht so selten errichtet wurden, so doch ein halbes Jahrhundert vollständig außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Erst kurz vor 1900 begann man im Umfeld der Wohnungsreformbewegung Interesse für solche Einrichtungen aufzubringen, woraus sich schnell eine intensiv geführte Debatte entwickelte, in deren Verlauf eine besondere Variante von Ledigenheimbauten als zentrales Instrument im Kampf gegen die großstädtische Wohnungsnot eingefordert wurde. Letztere hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts derart ungeheuerliche Formen angenommen, dass sie auch von den bürgerlichen Bildungseliten und den städtischen Verwaltungen zunehmend weniger ignoriert werden konnte. So verbrachten beispielsweise 1907 in München 130.000 Menschen, 25,1 % der Bewohner, die Nacht in Räumen mit weniger als 15 cbm Luftinhalt je Person.11 40.000, d.h. 7,8 % der Gesamtbevölkerung, schliefen sogar in Räumen, die weniger als 10 cbm Luftinhalt je Person besaßen, was bei einer angenommenen Deckenhöhe von 2,50 m weniger als 4 qm Fläche entspricht. Diese Verhältnisse prägten auch das Lebensumfeld der sogenannten „Schlafgänger“, also von Menschen, die keine eigene Wohnung besaßen, sondern lediglich ein Bett für die Nacht mieteten. In Berlin beispielsweise befanden sich 1910 in 58.000 von 555.000 Wohnungen Schlafleute, also in 10,5 %.12 1905 stellten in Berlin 105.000 Schlafgänger 5,55 % der Gesamtbevölkerung.13

[6] Vor allem diese Schlafgänger waren der Schrecken der bürgerlichen Meinungsführer und Entscheidungsträger. In zahlreichen Publikationen und Artikeln wurde beklagt, die fremden und ständig wechselnden Personen zerstörten mit dem als Rückzugsort verstandenen „Heim“ auch den familiären Zusammenhalt. Darüber hinaus grabe, so die überwiegende Mehrheitsmeinung der mit dem Problem befassten Literatur, die unstete, nomadenhafte Lebensweise der Schlafgänger den „Begriff ‘heimatlos’ vielen Tausenden in dumpfen Mietskasernen unausrottbar ins Herz“14, schüre „Unmut und Klassenhaß“15 und lasse sie „verbittert und staatsfeindlich werden“16. Vor allem seien auch „die sittlichen Gefahren des Schlafstellenwesens besonders zu unterstreichen“17, da in sowieso überbevölkerte Wohnungen noch männliche und weibliche Schlafgänger drängten und die geschlechtliche Trennung damit unmöglich machten.

[7] Gegen diese Schlafstellenproblematik schienen vielen Beteiligten groß konzipierte Ledigenheime das angemessene Instrument zu sein. Allerdings nicht in den von der Industrie angelegten Varianten, sondern in einer in England seit 1893 errichteten Form, den nach ihrem Erfinder benannten Rowton-Houses (Abb. 2), von denen es allein in London zur Jahrhundertwende schon sechs mit insgesamt etwa 5.000 Betten gab.18

2 „Rowton-House“ Newington Butts, London, 1897 (reprod. nach „Die Rowton-Häuser in London”, in: Concordia 10 [1903], Nr. 7, 89-92, Abb. S. 89)

Die Kombination von privat-philanthropischer Initiative, hoher Inanspruchnahme und erstaunlichem wirtschaftlichen Erfolg – die Gebäude warfen zwischen sechs und neun Prozent des investierten Kapitals im Jahr ab19 – ließ einige Kommentatoren das Problem schon als gelöst betrachten. Charakteristisch ist die bis zum Extrem gesteigerte Trennung zwischen einfachsten Schlafgeschossen und relativ komfortablen Wohnbereichen. Die angebotenen Übernachtungsmöglichkeiten konnte man tageweise mieten, allerdings waren die alleruntersten Schichten durch den Preis weitgehend ausgeschlossen. Erworben wurde das Recht, sämtliche Räume des Gebäudes bis acht Uhr des nächsten Tages zu nutzen. Zwischen neun Uhr morgens und 19:45 Uhr abends war allerdings das Betreten der Obergeschosse untersagt, die Hausordnung war auch hier streng und wurde von hauseigenem Aufsichtspersonal rigoros durchgesetzt. Integraler Bestandteil dieses Konzepts war neben der Unterstützung ärmerer Bevölkerungsteile ganz explizit auch deren Erziehung zu Ordnung und geregeltem Tagesablauf sowie die Förderung der Volksbildung. So war jedem Haus auch ein großer Lesesaal mit Bibliothek zugeordnet, was gerade den deutschen Wohnungsreformern sehr gut gefiel. Tatsächlich entstanden seit 1900 mehrere solcher Einrichtungen auch in Deutschland, etwa in Berlin, Düsseldorf, Straßburg oder Stuttgart, und viele weitere standen bereits kurz vor der Ausführung. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren alle derartigen Planungen aber schlagartig wieder beendet.

[8] In der Nachkriegszeit konnten dann bis 1929 nur zwei weitere Ledigenheimbauten in Deutschland errichtet werden, allerdings jetzt im Gegensatz zu allen vorherigen von ausgesprochen bekannten Architekten. Beide, sowohl das Ledigenheim für die in Berlin-Schöneberg gelegene Siedlung „Lindenhof“ von Bruno Taut als auch das im Münchner Westend gelegene Gebäude von Theodor Fischer wurden anlässlich ihrer Eröffnung 1921 beziehungsweise 1927 umfangreich publiziert – womit der Bautypus erstmals einer größeren Anzahl von Architekten und am Architekturgeschehen interessierten Personen bekannt geworden sein dürfte (Abb. 3 und 4).

3 Bruno Taut, Ledigenheim Lindenhof, Berlin-Schöneberg, 1921 (reprod. nach Wilhelm Kästner, „Stadtbaurat Bruno Taut, Magdeburg“, in: Moderne Bauformen 21 [1922], Nr. 10, 289-294, Abb. S. 291)

4 Theodor Fischer, Ledigenheim an der Bergmannstraße, München, 1927 (© Architekturmuseum der TU München, Fotosammlung)

Allerdings sollten weder die eigenartige Vermengung von Bauformen mittelalterlicher Provenienz mit Anleihen beim barocken Schlossbau und extravaganter Farbgebung bei Taut noch das herbe, tendenziell moderne Äußere bei Fischer darüber hinwegtäuschen, dass beide Bauwerke ihrer Funktion und inneren Struktur nach nahtlos an ihre Vorgänger aus der Kaiserzeit anknüpfen. So zielen sie weiterhin auf untere, durch materielle Schwierigkeiten gekennzeichnete Bevölkerungsschichten – Tagelöhner, einfache Arbeiter, niedere Angestellte –, denen man Hilfe und Betreuung zukommen lasse wollte. Taut selbst erachtete bei seinem Gebäude die „leichte Überwachung durch den Pförtner“20 als besonders geglückt oder rühmte sich, den „öden, kasernenmäßigen“21 Charakter solcher Anlagen durch die Biegung der Flure, also einen ästhetischen Kunstgriff, gemindert zu haben.

[9] Bei Theodor Fischers Münchner Beispiel gingen Idee und Initiative auf den Verein zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse zurück – und damit auf das Jahr 1899. Ziel war es, die „grosse gesundheitliche, sittliche und soziale Not, die mit dem Schlafstellenwesen“22 in die Wohnungen und Familien der unteren Schichten getragen worden sei, so weit wie möglich einzudämmen. An diesem um 1900 vielleicht noch progressiven Programm hielt man ohne Veränderung über ein Vierteljahrhundert lang fest. Wie die Idee selbst, so war auch die letztendliche Bauträgerschaft, der 1913 konstituierte Verein Ledigenheim München e.V. in seiner Form und Besetzung ein Relikt aus der Prinzregentenzeit. Der patriarchalische Charakter des Vereins, der mit einflussreichen Personen glänzend besetzt war, machte sich bis in die Festreden zur Eröffnung im Mai 1927 hinein bemerkbar, etwa wenn in Bezug auf die Hausordnung, die „streng sein“ müsse, wenn sie auch „nie rigoros angewendet werden soll“, garantiert wurde: „Ganz gewiß herrscht in diesem Haus kein Kasernenton“; denn „dafür bürgen die Männer, die an der Spitze des Vereins stehen“.23 Unter diesen „Männern“ war auch Theodor Fischer, Gründungs-, Aufsichtsrats- und seit 1927 Ehrenmitglied dieser Organisation. Auch wenn Fischer den harten Charakter des äußeren Erscheinungsbildes mit seiner weitgehend auf stereometrische Primärkörper reduzierten Formensprache und den für den Münchner Wohnungsbau ungewöhnlichen Backsteinoberflächen nicht zuletzt mit der drückenden Lage der späteren Bewohner begründete, hatte er in den Innenräumen doch versucht durch „Gemütlichkeit“ und „Behaglichkeit“ ein echt bodenständiges Heim zu gestalten. Am Idealbild der traditionellen Familie war ganz selbstverständlich festgehalten, das Ledigenheim hatte ganz im alten Sinne die Hauptfunktion, Schlafgänger aus den Familien herauszuhalten und damit den Familienverband weitest möglich zu konservieren. Es handelt sich damit, wenn man so will, um Schutzbauten, nicht unbedingt für die Ledigen, sondern vor allem der Familien – und damit der althergebrachten Gesellschaftsstruktur.

Zerfall der Familie: Soziologische Standpunkte

[10] Betrachtet man allerdings die soziologischen Analysen der Zeit, so stand man damit längst auf verlorenem Posten und kämpfte an der falschen Front, da die Auflösung der Familie nicht unbedingt nur die unteren Schichten, sondern vielmehr die bürgerlichen Eliten betraf. Intensiv hatten sich beispielsweise Georg Simmel, Werner Sombart, Ferdinand Tönnies, Friedrich Naumann, Adolf Weber oder Oswald Spengler mit dem schon statistisch unabweisbaren und offensichtlich sehr dynamischen Phänomen der Transformation der Familie in der Großstadt auseinandergesetzt. So sank etwa zwischen 1880 und 1913 die durchschnittliche Kinderzahl deutscher Ehen in den Großstädten um 50 %,24 die Zahl der Ehescheidungen hatte sich trotz höherer gesetzlicher Hürden zum Entsetzen vieler Debattenbeteiligter zwischen 1894 und 1927 verfünffacht.25 Der damit verbundene Fragenkomplex zeitigte kompromisslose Standortbestimmungen und zähe weltanschaulich-ideologische Auseinandersetzungen.

[11] Ferdinand Tönnies beklagte 1931 mit deutlich kritischem Unterton, „unter den bewußten Großstädtern und denen, die sich ihrer Modernität gern rühmen“, seien die Scheidungen „alltäglich geworden“.26 Schon 1887 hatte er in seinem epochemachenden Werk Gemeinschaft und Gesellschaft ausgeführt, dass im gemeinschaftlichen „Dorfe [...] die Haushaltung selbständig und stark“ sei, während sie „aber in der Großstadt [...] steril, eng, nichtig“ werde und damit untergehe „in den Begriff einer bloßen Wohnstätte, dergleichen überall für beliebige Fristen und Geld zu haben ist [...]. Nicht anders als eine Herberge auf Reisen“.27 Die Menschen derartiger Lebenswelten seien dabei, so Tönnies weiter, „lauter freie Personen, die im Verkehre einander fortwährend berühren, miteinander tauschen und zusammenwirken, ohne daß Gemeinschaft und gemeinschaftlicher Wille zwischen ihnen entstünde“.28 In einer solchen Umgebung ständen „vereinzelte Personen oder doch Familien“ bindungslos „einander gegenüber und haben ihren gemeinsamen Ort nur als zufällige und gewählte Wohnstätte“.29 Damit aber gerate auch „das Familienwesen in Verfall. Je mehr und je länger die Weltstadt ihre Wirkungen ausüben kann, desto mehr müssen die Reste desselben als zufällig erscheinen. [...] Alle werden durch Geschäfte, Interessen, Vergnügungen nach außen und auseinander gezogen“.30 Familie werde so lediglich „eine zufällige Form zur Befriedigung natürlicher Bedürfnisse“.31 Für Menschen, denen nur „Herd und Altar ist in Gestalt eines heizbaren Zimmers höherer Stockwerke“ und „Heimat in dem Boden des Straßenpflasters“ gründe, sei eben auch die Familie unerwünschte Bindung.32

[12] Solche Überzeugungen waren weit verbreitet. Am wortgewaltigsten hatte aber Oswald Spengler in seiner in der Zwischenkriegszeit allgegenwärtigen Schrift Vom Untergang des Abendlandes die veränderte Lebensumwelt des Großstadtmenschen und die damit einhergehende Auflösung familiärer Bindungen in Beziehung gebracht und die daraus sich ergebenden Folgen in drastischer Negativität umschrieben. „Statt einer Welt, eine Stadt, ein Punkt, in dem sich das ganze Leben weiter Länder sammelt, während der Rest verdorrt; statt eines formvollen, mit der Erde verwachsenen Volkes ein neuer Nomade, ein Parasit, der Großstadtbewohner, der reine, traditionslose, in formlos fluktuierender Masse auftretende Tatsachenmensch, irreligiös, intelligent, unfruchtbar“.33 Aus der „Tatsache, daß das Dasein immer wurzelloser, das Wachsein immer angespannter wird“, gehe „endlich jene Erscheinung hervor, die im Stillen längst vorbereitet war und jetzt plötzlich in das helle Licht der Geschichte rückt, um dem ganzen Schauspiel ein Ende zu bereiten: die Unfruchtbarkeit des zivilisierten Menschen“.34 Während „der Bauer und jeder ursprüngliche Mensch [...] die Mutter seiner Kinder“ wähle, suche der Großstadtbewohner seine „Lebensgefährtin“.35 So werde „Kinderreichtum“, ehemals stets ein „ehrwürdiges Bild“, zunehmend „etwas Provinziales“. Daher sei „der kinderreiche Vater [...] in Großstädten“ auch „eine Karikatur“.36 Aber „erst wenn [...] die Masse der Mieter und Schlafgäste in diesem Häusermeer ein irrendes Dasein von Obdach zu Obdach führt, wie die Jäger und Hirten der Vorzeit, ist der intellektuelle Nomade völlig ausgebildet. [...] Die Häuser sind nur die Atome, welche sie zusammenhalten“;37 man muss hinzusetzen: als angemessener formaler Ausdruck einer in Individualitäten „atomisierten“ Gesellschaft. Derartige Stellen finden sich bei Spengler dutzendweise, aber in anderer sprachlicher Form bei verwandtem Inhalt auch bei Adolf Weber, Werner Sombart, Friedrich Naumann und anderen.

[13] Je stärker aber die Protagonisten moderner Architektur versuchten, ein ominöses „Neues Wohnen“ zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zu machen, desto mehr faszinierten sie diese eklatanten und seit langem von den führenden Gesellschaftstheoretikern der Zeit behandelten Phänomene. So vertrat Gropius 1929 die Meinung, dass die Entwicklung der großstädtischen Kleinwohnung „auf einem toten Punkt angelangt“ sei, „weil tiefgreifende Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur der Völker, die eine neue Zielsetzung für Art und Größe der notwendigen Wohneinheiten verlangen, nicht genügend berücksichtigt wurden“.38 Zentrales Merkmal dieser „tiefgreifenden Veränderungen“, die in der Architektur noch nicht genügend Berücksichtigung gefunden haben, sei die Loslösung vom „Begriff [...] der patriarchalischen Familie“ und Hinwendung zum „Gedanken an ein selbständiges Individuum“.39 Gropius allerdings vertrat eine Wertung dieser Erscheinungen, die der der bekannten und vorhin genannten Kritiker entgegengesetzt war. Er übernahm ihre Analyse, aber betonte, dass diese Veränderungen „der heutigen Gesellschaft, die von vielen als rückläufiger Verfall angesehen werden, entwicklungsgeschichtlich vielmehr einen Fortschritt der sich differenzierenden Gesellschaft darstellen“.40 Eine solche Haltung, die gerade die Wandelbarkeit, ja selbst den schleichenden Untergang der Familie nicht nur für theoretisch möglich, sondern gar empirisch eindeutig und kulturgeschichtlich folgerichtig hielt und ihn durch adäquate Bauten nicht allein bedienen, sondern sogar unterstützen wollte, bezog in einer extrem aufgeheizten Debatte einen radikalen Standpunkt, der notwendig auf den schärfsten Widerstand nicht nur konservativer Kreise treffen musste – ganz unabhängig von der Gestalt, die solche Gebäude haben sollten. Eine erste architektonische Umsetzung unternahm Hans Scharoun 1929 auf der großangelegten Werkbundausstellung in Breslau, bei der auch die Form an Progressivität nichts zu wünschen übrig ließ.

Werkbundausstellung in Breslau 1929: Hans Scharoun

[14] Als Teil der Breslauer Versuchssiedlung musste sich der Anspruch Scharouns am fulminanten Vorläuferprojekt des Werkbundes, der zwei Jahre zuvor in Stuttgart unter der Oberleitung von Ludwig Mies van der Rohe entstandenen Siedlung am Weißenhof orientieren. Den dort errichteten Bauten war schon damals im Selbstverständnis ihrer Protagonisten der Rang eines entscheidenden Durchbruchs der Moderne zugefallen, und in Breslau erwartete man, dass man über das in Stuttgart Gezeigte noch einen Schritt hinausgehen werde. Scharoun, dessen spektakulärer Beitrag mit Abstand die größte Aufmerksamkeit auf sich zog und praktisch in jeder deutschen Architekturzeitschrift der Zeit besprochen wurde, hatte an der nördlichsten Spitze des langgezogenen Baugrundstücks sein „Wohnheim“ zwischen locker gruppierten Einzelhäusern für wohlhabende Bewohner errichten können (Abb. 5).

5 Versuchssiedlung der Werkbundausstellung „Wohnung und Werkraum“, Breslau, 1929; am linken Rand das Ledigenheim von Hans Scharoun (reprod. nach „Wohnung und Werkraum“, in: Die Form 4 [1929], 551)

Die Grunddisposition seines Gebäudes richtet sich nach den inneren Funktionszugehörigkeiten: Zwei leicht gegeneinander versetzte Wohntrakte, einer für Ledige, der andere für kinderlose Ehepaare, werden durch einen schräggestellten, der Eingangshalle vorbehaltenen Mittelteil verbunden. Von hier aus können alle weiteren Bereiche, Wohntrakte, Restaurant, Dachterrasse und Garten, erreicht werden. Die Wohnungen sind jeweils so organisiert, dass von der Eingangstüre weg ein Treppenlauf in den Wohnraum führt, und von dort in gegenläufiger Richtung ein weiterer in den Schlafraum (Abb. 6). Vom Gang abgehend entwickeln sich die Wohnungen damit auf jeweils zwei Ebenen entweder nach unten oder nach oben. Diese ausgefeilte Grundrisslösung galt schon den Zeitgenossen als Paradebeispiel baulicher Originalität – aber auch Extravaganz.

6 Hans Scharoun, Ledigenheim, Wohnzimmer einer Ledigenwohnung, Werkbundausstellung „Wohnung und Werkraum“, Breslau, 1929 (reprod. nach Edith Rischowski, „Das Wohnhaus als Einheit. Häuser und Räume der Versuchs-Siedlung Breslau 1929“, in: Innendekoration 40 [1929], Nr. 11, 401-417, Abb. S. 413)

Die Wohneinheiten sind auf 27 beziehungsweise 35 qm bemessen, bei gerade einmal drei oder 3,50 m Breite. Ein mit Rolljalousien zu verschließender Küchenschrank sollte die Bewohner unabhängig vom Gemeinschaftsrestaurant machen. Das Mobiliar reduzierte sich auf Tisch, Bett und zwei Stühle und verkörperte so die programmatische Umsetzung des von Ludwig Hilberseimer für „neues“ und „befreites Wohnen“ dieser Art eingeforderten Ideals, dass „im Falle eines Wohnungswechsels [...] nicht mehr der Möbelwagen, sondern nur noch die Koffer zu packen“ wären.41

[15] Das Bild, das Scharoun von den Bewohnern seines Gebäudes vorschwebte, hatte mit der Zielgruppe bisheriger Ledigenheime freilich nichts mehr gemein. Er selbst hatte 1930 hotelartige „Wohnheime“ für ledige Damen und Herren sowie kinderlose Ehepaare als „Heimstätten für den seiner Großstadtkultur bewußten Großstädter“ bezeichnet.42 Dementsprechend sollten in derartigen Bauten seiner Meinung nach „Telefon, Safe, Flure – Garagen“ ganz selbstverständlich sein. Im Rückblick sprach Scharoun im direkten Zusammenhang mit seinem Breslauer Bau von „Herbergen [...] für den nomadenhaften Menschen“ und führte weiter aus:

In den Zeiten der internationalen Verflechtung und einer gewissen Saturiertheit war [...] das Hotel [...] als eine Form des Wohnens entdeckt. Es lag darin sowohl ein Bekenntnis der Anonymität der Großstadt, als auch ein Bekenntnis zum Weltbürgertum und damit ein Bekenntnis zu einem erweiterten Heimatbegriff, dem selbstverständlich nur eine besondere Art Mensch gewachsen war.43

Internationalität war hier also nicht nur eine Frage der Form, sondern eine der Lebensweise.

[16] Wilhelm Lotz, der wichtige Kommentator der Moderne und Autor zahlreicher programmatischer Artikel für die Werkbundzeitschrift Die Form, bestätigte dem Breslauer Bau dann auch, er wolle dem „Werden zur Darstellung“ verhelfen, und „ein feines Ohr haben für die Dinge, die kommen“.44 Das „Weltgefühl eines neuen Menschen“ sei in ihm zum Ausdruck gebracht.45 Ebenfalls in der Form lobte Hilberseimer den Versuch, sich mit „noch umstrittenen Wohnformen“ auseinanderzusetzen, die sich durch die „Wandlung aller Lebensformen“ und die dadurch veränderten Ansprüche an die Wohnung als Problem geradezu aufgedrängt hätten.46 Scharouns Ledigenheim gehe damit in seiner prinzipiellen Bedeutung „über den Rahmen des Lokalen hinaus“.47 In diesem Kontext gewinnen auch die auffälligen Schiffsanalogien einen über die formale Eleganz hinausweisenden Sinn. Sie spiegeln die vorgestellte Mentalität der Bewohner, der „nomadenhaften Menschen“, die ledig, werktätig, ungebunden, international, familienfern und unstet den alten Heimatbegriff abgelegt hätten. Das einem Schiff ähnliche Gebäude wird zum Sinnbild einer potentiell immer auf Fahrt befindlichen Bevölkerungsschicht. Tatsächlich hatte Scharouns Bau bald den nicht nur positiv gemeinten Spitznamen „Panzerkreuzer Potemkin“ erhalten.48 Scharouns ausgefallene Formensprache allerdings, die in vielen Details keinerlei konstruktive oder funktionale Notwendigkeit für sich in Anspruch nehmen konnte und daher auch aus dem modernen Lager bisweilen harsch kritisiert wurde, machte das Gebäude zwar zu einem brillanten, aber auch höchst individuellen Einzelstück.

[17] Dagegen zielte Gropius ein Jahr später auf einen universellen, auch städtebaulich geklärten Ledigenheimtypus, der eine radikale „gestaltung von lebensvorgängen“ im größten Maßstab liefern sollte.49 Wieder war eine Ausstellung der Ort für eine exemplarische Umsetzung.

Die „section allemande“ im Salon der Société des artistes décorateurs français 1930: Walter Gropius

[18] Über das Auswärtige Amt war die Einladung zu einer „section allemande“ in der Pariser Ausstellung der Société des artistes décorateurs français Ende 1928 an den Deutschen Werkbund gegangen. Dieser berief wohl im November 1929 Gropius zum Generalkommissar und künstlerischen Leiter.50 Schon in den ersten Zeilen des von Herbert Bayer kongenial gestalteten Ausstellungskatalogs hatte Gropius pathetisch ausgeführt, die deutsche Abteilung sei eine „demonstrative schau“, die von „der art des heutigen modernen gestaltenden geistes in deutschland zeugen soll“.51 Tatsächlich unterschieden sich die von Gropius verantworteten Räume massiv vom Rest der Ausstellung, zumal sich die Vertreter der französischen Moderne aus der Société zurückgezogen hatten, eine Tatsache, die Gropius als „für uns ganz günstig“ begrüßte, da so seine kompromisslose Haltung vor der Folie des Übrigen noch stärker zur Wirkung kommen konnte.52

[19] Im Zentrum stand ein Projekt, um das seine Gedanken seit 1928 immer wieder gekreist waren, ein zehn- bis zwölfstöckiges Wohnhotel für den modernen Menschen. Für Gropius gilt die Besonderheit, dass er seine Inspirationsquelle mehrfach explizit benannt hat, nämlich den damals einflussreichen und vor allem auch äußerst breitenwirksamen, heute aber weitgehend vergessenen Vertreter soziologischer Forschung Franz Carl Müller-Lyer. Die besondere Faszination, die Müller-Lyer auf seine Zeitgenossen ausübte, entsprang seiner, wie er es nannte, „phaseologischen Methode“, gemäß welcher der bereits abgelaufene Vorgang der Kulturentwicklung erst in verschiedene Hauptteile zerspalten und diese anschließend durch „Längsschnitte“ in einzelne Perioden oder Phasen unterteilt werden mußten. Durch den Vergleich der Phasen untereinander könne dann die Richtung bestimmt werden, in welche sich die Kultur bewege. Das Erfassen dieser „Richtungslinien“ des Fortschritts ist der eigentliche Kern seiner Lehre – und der wahrscheinliche Grund dafür, dass von seinem unvollendetem Hauptwerk, den auf zwölf Bände angelegten Entwicklungsstufen der Menschheit, zwischen 1910 und 1926 75.000 Exemplare verkauft werden konnten.53

[20] Gleich drei der sieben veröffentlichten Bände beschäftigten sich mit der Familie und ihrer Zukunft. Hier pflegte Müller-Lyer eine geradezu euphorische Fortschrittserwartung, die von Beharrung oder Traditionsbewahrung nichts wissen wollte. Vielmehr sei die wichtigste Wirkung seiner Lehre:

Sie bereitet dem Fortschritt die Bahn. Indem sie den ewigen Wechsel der Phasen vor Augen führt, gewöhnt sie den Menschen an die ihm verhaßte Idee, daß alles, auch die Gegenwart, nur ein Übergang zu höheren Formen ist, und bekämpft aufs Wirksamste den schädlichen Irrtum [...], wir [...] müßten uns dem Neuen verschließen und entgegenstemmen.54

Insbesondere drei Momente geben den Ausschlag für die zukünftige Entwicklung: Die Richtungslinie der Individualisierung, die dem Einzelnen immer stärker die Ausbildung seiner Persönlichkeit ermögliche; die ihr komplementäre Richtungslinie der Vergesellschaftung, die alle Individuen einbinde in einen Organismus höherer Ordnung, der letzten Endes durch das planvolle Zusammenwirken von Millionen die ganze Erde umspanne und die „Macht des Menschen ins Riesenhafte“ steigern werde;55 und schließlich die Richtungslinie der Arbeitsteilung, die jetzt auch die Frauen ergreife, sie in den Arbeitsprozess einfüge und damit wie die Männer beruflich „differenziere“. Alle drei machten die Familie zur bloßen Durchgangsstufe einer geschichtlichen Entwicklung. Sie zersetze sich zusehends, da „je höher sich die Gesellschaft organisiert, um so mehr Familienfunktionen [...] in soziale übergehen“ müssten, von der Haushaltsführung bis hin zur Versorgung der Kinder, die zur öffentlichen Angelegenheit werde. Daneben werde die Frau durch ihre zunehmende Einbindung in die Arbeitswelt „wirtschaftlich und persönlich und schließlich auch politisch frei und selbständig“.56 Damit ändert sich das Frauenbild fundamental. Anstatt einer „famelierten Treibhauspflanze [...] steht heute die schneidige Skifahrerin und Bergsteigerin vor unseren Augen, die Schriftstellerin und die Ärztin, die englische Frauenrechtlerin und die norwegische Landtagsabgeordnete; das sind ‘Frauen’, die wir jetzt bei weitem höher stellen“.57 Derartig auf die eigene Persönlichkeit gerichtete Individuen, der „personale Mensch“ der nächsten Kulturphase, moderne Frauen wie Männer, ließen sich aber nicht mehr in die überkommenen Familienstrukturen „einzwängen“.58 Daher werde notwendig die „alte Form der Ehe, die unauflösliche patriarchalische Zwangsmonogamie, [...] mehr und mehr als veraltet empfunden. Die Ehe wird eine individuelle Angelegenheit zweier freier und gleichberechtigter Persönlichkeiten; sie strebt der höheren Form der ‘freien Ehe’ entgegen“,59 die, jederzeit trennbar, auf individuelle Selbstverwirklichung gerichtet ist. Man steuere damit einem „neuen Land zu, [...] einer neuen Welt des freien Individuums und des wohlorganisierten Staates“.60

[21] Diesen Ansatz Müller-Lyers hatte Gropius bis hinein in die Terminologie übernommen61 und auch in mehreren Graphiken visualisiert, die er in der Zeitschrift Baugilde publizierte und auf der Deutschen Bauausstellung 1931 einem großen Publikum präsentierte. Individualisierung, Vergesellschaftung, Verselbständigung und Befreiung der Frau führten auch nach Gropius dazu, dass die „Bedeutung des Individuums und seine selbständigen Rechte [...] heute mehr im Vordergrund“ stehen „als die der Einheit der Familie“.62 Die ehemals „staatlich und kirchlich sanktionierte Zwangseinrichtung“ der Ehe „entwickelt [...] sich allmählich zu einem freien Bund zweier geistig und wirtschaftlich selbständiger Menschen“.63 Die Beziehung wird noch einmal enger, da Müller-Lyer als flankierende und den Kulturfortschritt fördernde Maßnahme für „Großhaushalte“ eintrat, in denen die Haushaltung, soweit möglich, zentral erledigt werden sollte. Die wichtigste Auswirkung solcher Großhaushalte wäre aber ein klub- und hotelartiges Wohnen. Erst dadurch könne die „individuelle Freiheit [...], und mit der Freiheit die Entfaltung der persönlichen Eigenart“ überhaupt erst ganz möglich werden.64 Solche „Großbauten“ waren geradezu ein Lieblingsprojekt Müller-Lyers, dem er sich an mehreren Stellen seines Werkes ausführlich widmete.65

[22] Diese Variante des Wohnens wurde in Paris jetzt in modernster Formensprache visualisiert. Entscheidend sind dabei die Ausstellungsräume 1 und 3, die in einem inneren Zusammenhang stehen und auch gemeinsam betrachtet werden konnten, da der festgelegte Ausstellungsweg über eine Metallbrücke führte, von der aus man in beide Räume hinunterblickte. Im ersten Bereich hatte Gropius ein „wohnbad“ mit „gymnastikraum“ sowie einen „gesellschaftsraum“ mit „bibliothek“, „radio-grammophon-nische“, „nachrichtenwand“, „bar, tanzfläche, lese- und spielnische“ eingerichtet (Abb. 7).66

7 Walter Gropius, „section allemande“, Gesellschaftsraum, Salon des artistes décorateurs français, Paris, 1930 (reprod. nach section allemande, grand palais 14. mai ‒ 13. juillet. exposition de la société des artistes décorateurs, katalog, Berlin 1930, o. S.)

Stahlrohr, Glas, Drahtgeflecht beherrschen die Wirkung, in exakter, geradezu penibler Ausrichtung und Ordnung. Die verchromten Armaturen des Wohnbades wie die ebenfalls verchromte Espresso-Kaffeemaschine im Gesellschaftsraum werden als auffällige Einzelstücke mit technisch-skulpturalem Charakter inszeniert. Zwei Elemente sind mit Blick auf den internationalen und beweglichen „Neuen Menschen“ einer „Neuen Zeit“ als den kongenialen Nutzer dieser Räume noch hervorzuheben: die von der Decke abgehängte, fast etwas überdimensionierte Uhr und die in unmittelbarer Nähe dazu angebrachte sogenannte „Nachrichtenwand“. Beides scheint zugeschnitten auf den nervösen, zeitlich eng getakteten, Informationen verlangenden, immer beschäftigten Großstadtmenschen und Weltbürger, wie ihn mit der Soziologie auch die Architekten als gegenwarts- und zukunftsspezifischen Typus annahmen.67 Zeitung, Weltkarte und Uhr werden so zu den charakteristischen Attributen eines neuen Lebensgefühls.

[23] Die zugehörigen, durch diese Gemeinschaftseinrichtungen zu ergänzenden Wohnungen wurden im dritten Raum der Ausstellung von Marcel Breuer gezeigt (Abb. 8 und 9).

8 Marcel Breuer, „section allemande“, Damenzimmer, Salon des artistes décorateurs français, Paris, 1930 (reprod. nach Julius Posener, „Die Deutsche Abteilung in der Ausstellung der Société des artistes décoratifs français“, in: Die Baugilde 12 [1930], 968-981, Abb. S. 976)

9 Marcel Breuer, „section allemande“, Herrenzimmer, Salon des artistes décorateurs français, Paris, 1930 (reprod. nach Julius Posener, „Die Deutsche Abteilung in der Ausstellung der Société des artistes décoratifs français“, in: Die Baugilde 12 [1930], 968-981, Abb. S. 976)

Breuers „wohnzellen“,68 ein Damen- und ein Herrenzimmer, verwirklichten auch architektonisch die Zukunftsvision einer zum „Bund zweier geistig und wirtschaftlich freier Menschen gewandelten Ehe“ und den Anspruch, „jedem erwachsenen Menschen sein eigenes wenn auch kleines Zimmer“69 zur Verfügung zu stellen. Der einzelne Bewohner wird zum vollkommen selbständigen Individuum, dessen ökonomische und soziale Bindungen sich auf ein Minimum reduzieren. Die Haushaltsführung wird weitgehend von zentralen Einrichtungen übernommen, das gesellschaftliche Leben spielt sich in den Klub-, Sport- und Gemeinschaftsräumen ab, wie sie Gropius in Raum 1 gezeigt hatte.

[24] Die diese Räume aufnehmende Bebauung, gewaltige Wohnzeilen mit dazwischenliegenden Grünflächen und Sportanlagen (Abb. 10), scheinen beliebig erweiterbar: Am Mittelgang sind die „Einheitszellen“, Damen-, Herren- und zwei Arten Ledigenwohnungen „hotelmäßig aneinandergereiht“, wie Breuer 1930 schrieb.70

10 Marcel Breuer, „section allemande“, Entwurf für ein Wohnhotel, Grundriss und Axonometrie, Salon des artistes décorateurs français, Paris, 1930 (reprod. nach Marcel Breuer, „Die Werkbundausstellung in Paris 1930“, in: Zentralblatt der Bauverwaltung 50 [1930], Nr. 27, 477-481, Abb. S. 479)

Ganz zweifellos war in Kombination der Präsentationen von Gropius und Breuer ein Typus Ledigenheim geschaffen, der in seinen theoretischen und gestalterischen Ansätzen den schon radikalen Bau Scharouns noch einmal hinter sich ließ. Der Anspruch weitete sich durch die prinzipielle und serielle Behandlung des Typus ins beinahe Unbegrenzte und stellte eine kompromisslose Manifestation der eigenen, utopischen Zukunftserwartungen dar. Form und Inhalt decken sich dabei gegenseitig. Wie in der architektonischen Form keine Beziehung zu Ort, Tradition oder gewachsener Geschichtlichkeit mehr erkennbar bleiben soll, löst sich auch die Art des Wohnens vollständig von der Vergangenheit. Sie entspricht in ihren zentralen Begriffen – ungebunden, befreit, anonym – ganz unmittelbar der Gebäudegestalt. Es überrascht so wenig, dass Wilhelm Lotz in der Form die „Ideologie der modernen Gestaltung“ dem „denkenden Beschauer am stärksten und eindringlichsten vermittelt“ sah. Man blicke daher „mit einem Gefühl großer Befriedigung“ auf die deutschen Räume.71

Ausgeführte Ledigenheime moderner Provenienz

[25] Die Idee dieser Art hotelartigen Wohnens hatte um 1930 bereits zu einigen Realisierungen außerhalb der Ausstellungsaktivitäten des Werkbundes geführt – natürlich nie in der ganzen gesellschaftsreformatorischen Radikalität, wie von Gropius propagiert. Einige wenige Beispiele sollen kurz vorgestellt werden.

[26] Noch am nächsten kommen dem Ideal wohl die 1929 und 1930 von Scharoun für die „Jacobowitz A.G.“ am Kaiser- und am Hohenzollerndamm in Berlin errichteten zwei Junggesellenhäuser (Abb. 11). In einem zeitgenössischen Werbeprospekt hieß es:

Nicht mehr 10-Zimmer-Prunkwohnungen mit dunklen Schlafräumen an engen Höfen, Berliner Zimmern und unendlichen Korridoren [...]! In unseren [...] Häusern finden sie das heutige Wohnideal: Klein- und Mittelwohnungen mit höchstem Komfort, praktische und wirtschaftliche Ausnutzung der Räume, Licht, Luft, Sonne, [...] jede Wohnung eine selbständige Einheit, Zugang direkt vom Treppenhaus.72

Mit Blick auf diese Art von Mietern wurde der Hof bei beiden Projekten ganz selbstverständlich zur Unterbringung von Kraftwagen unterkellert.

11 Hans Scharoun, Junggesellenhaus am Kaiserdamm, Berlin-Charlottenburg, 1929 (reprod. nach Hans Scharoun, „Großstädtische Junggesellenhäuser“, in: Bauwelt 23 [1932], Nr. 6, 1-4, Abb. S. 2)

[27] Ebenfalls zwei Ledigenheime errichtete Bernhard Hermkes 1930 und 1931 in Frankfurt am Main, beide für berufstätige Frauen. Während das Haus an der Adickesallee (Abb. 12) aufgrund der teils erheblichen Wohnungsgrößen für die große Masse der Angestellten vollkommen unerschwinglich war, selbst wenn sie, wie offenbar bei diesem Gebäude üblich, zu zweit eine Wohnung bezogen, war das Haus an der Platenstraße für normalverdienende Frauen konzipiert. Ein zweiter Bauabschnitt, der unter anderem einen Gymnastikraum und einen Kindergarten enthalten sollte, wurde allerdings nicht realisiert. Das Haus blieb also Fragment.

12 Bernhard Hermkes, Haus der berufstätigen Frauen, Frankfurt am Main, 1930 (reprod. nach Brandenburgische Technische Universität Cottbus. Lehrstuhl Entwerfen ‒ Bauen im Bestand (Hg.), „Facetten eines Lebens“ 1903-1995. Ausstellungskatalog zum 100. Geburtstag von Bernhard Hermkes, Cottbus 2003, o. S.)

[28] Ein weiteres Ledigenheim, ebenfalls für berufstätige Frauen, konnten Paul Artaria und Hans Schmidt 1929 in Basel errichten (Abb. 13). Fast alle Wohnungen sollten von zwei Frauen bewohnt werden, was auf den nicht-kommerziellen Charakter dieses Beispiels verweist. Auch ergänzende Gemeinschaftsräume sind in größerer Zahl vorhanden, etwa ein Wohn- und Arbeitsraum, ein Essraum, eine Zentralküche, ein Waschraum und eine begehbare Dachterrasse.